Donnerstag, 21. November 2013

„Vom Volkslied zum Chanson – 400 Jahre in aller Kürze“

Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben wir uns schon mehrmals mit dem Barock beschäftigt und kennen bereits einige sehr bekannte Werke, die in dieser Epoche geschaffen wurden. Dieser Artikel soll sich aber nicht mit dem Barock beschäftigen, sondern will dem Ursprung der Musik etwas mehr auf den Grund gehen und eine Verbindung zu unserer Zeit schaffen.

Es soll die einfache Frage geklärt werden: Was war vor dem Barock?

Und die viel wichtigere Frage: Braucht das heute noch irgendwer?

Nun, es ist kein Geheimnis, dass die Epoche vor dem Barock die Renaissance war.

Da gab es Musik? Kenne ich da was? Und was soll so uralte Musik mit uns heute noch zu tun haben?

Das sind sehr viele Fragen, die ich anhand eines Beispiels beantworten möchte. In der Renaissance im eigentlichen Sinne war die Vokalpolyphonie (also mehrstimmige Gesangspartien) gang und gäbe. An der Schwelle der Renaissance zum Barock Ende des 16. Jahrhunderts wurde diese aber mehr und mehr von der Monodie, dem Einzelgesang, (bitte nicht mit Monotonie verwechseln!!!) abgelöst, die ihren Siegeszug durch Europa von Italien aus antrat. Man kann sagen, die moderne Liedform wurde zu dieser Zeit erfunden.

Ein spezielles Lied wurde in der damaligen Zeit derart populär, sodass es in ganz England Verbreitung fand. Sogar William Shakespeare (1564-1616), der nette Herr mit den Strumpfhosen, der Halskrause und dem etwas hochgestochenen Englisch, erwähnte es in seinem Werk. Leider ist nicht überliefert, wer der Komponist dieses Musikstückes war. Legenden schrieben es König Heinrich VIII. (1491-1547) von England zu, der es für seine künftige zweite Ehefrau Anne Boleyn (1501-1536) komponiert haben soll, als er um sie warb und noch nicht mit dem Gedanken spielte, sie einen Kopf kürzer zu machen. Allerdings konnte diese Legende widerlegt werden, da der italienische Stil der Komposition zu Heinrichs Lebzeiten noch nicht in England verbreitet war.


Wer auch immer es geschrieben hat, es wurde eine Frau in einem grünen Kleid besungen und die Melodie avancierte zum beliebtesten englischen Volkslied, das je geschrieben wurde. Sein Name ist „Greensleeves“ und seine Popularität ist bis heute ungebrochen:




Wurde das Stück gekannt? Ja?! Na bitte, dann fehlt nur noch ein kleiner Schritt zum Renaissance-Experten!

Dieses Werk besteht aus vielen Variationen, die von verschiedenen Instrumentengruppen vorgetragen werden. Dieses Prinzip nennt man „Terrassendynamik“, das in der Renaissance entwickelt wurde und den ganzen Barock prägen sollte. Grund dafür war der Instrumentenbau, welcher sich in der Renaissance noch in den Kinderschuhen befand und dadurch die dynamischen Ausdrucksmöglichkeiten einzelner Instrumente begrenzt waren. Darum wurde auf den wechselnden Einsatz verschiedener Instrumentengruppen zurückgegriffen, um die Lautstärke und die Intensität der Musik übergangslos zu verändern. So konnten sich laute und leise Passagen abwechseln, ohne dass die begrenzte Dynamik des einzelnen Instruments zu sehr zu tragen kam.

Clever, nicht wahr?

Da ich die Gefahr sehe, dass ich mich unklar ausgedrückt habe, werde ich hier noch ein Beispiel anführen, das typisch für die damalige Zeit ist, gänzlich auf der Terrassendynamik basiert und allein daraus seine herrliche Steigerung erfährt. Es handelt sich um das ergreifende Liebeslied „Augellin“ des wunderbaren Stefano Landi (1587-1639):




Bin ich der Einzige, der die beiden Hörbeispiele als zeitlos empfindet? Es handelt sich um Einspielungen auf original Renaissance-Instrumenten und dennoch merkt man diesen Stücken (meiner Meinung nach) das Alter von 400 Jahren nicht an. Ich denke, es ist nicht notwendig, zu erwähnen, dass um diese Zeit auch die Oper geboren wurde. Das war nach der Entwicklung der Monodie ein sehr logischer nächster Schritt. Doch dieses Ereignis verdient ein eigenes Kapitel zu späterer Gelegenheit.

Gibt es die Terrassendynamik heute noch?

Nun, zurzeit des Spätbarocks und der Wiener Klassik wurden viele Instrumente derart weiterentwickelt, sodass sie ein viel größeres dynamisches Spektrum erhielten und ein breiter, stufenloser Übergang zwischen verschiedenen Lautstärkegraden einzelner Instrumente möglich war (Crescendo/Decrescendo) .

Dennoch wird in der heutigen Chanson-Kunst manchmal auf dieses Stilmittel zurückgegriffen, um besonders eindrucksvolle Steigerungen Strophe für Strophe auf eindringliche Art zu vollziehen. Und bei einem der bekanntesten Chansons des 20. Jahrhunderts wurde sogar neben der Terrassendynamik auch die Melodie eines sehr bekannten englischen Volksliedes aus der Zeit der Renaissance entnommen. Ich bin gespannt, wer die (etwas modifizierte) Melodie erkennt! Das Chanson schrieb der belgische Chansonnier Jacques Brel (1929-1978) und er interpretiert es auch auf seine unverwechselbare Weise:





Und schon ist ein Brückenschlag zwischen den Melodien bzw. der Terrassendynamik der Renaissance-Musik und dem modernen Chanson des 20. Jahrhunderts vollzogen. Die hunderte Jahre Altersunterschied verschwinden in Bedeutungslosigkeit und genau das ist der Grund, warum die Musik der Renaissance den wesentlichen Grundstein bildet, welcher die Musik unserer abendländischen Kultur ausmacht: Zeitlose Beständigkeit, ewige Jugend!

Der Rest ist Schweigen ...

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