Freitag, 15. November 2013

1. „Dem Himmel so nah“ oder Bachs „Air“


Das erste Stück kennt wohl ein jeder, da es immer wieder in der Populärkultur Verwendung findet, und doch kann es selten jemand richtig zuordnen. Landläufig wird dieses Stück als „Air“ bezeichnet und von den meisten bedenkenlos übernommen. Der Begriff „Air“ leitet sich allerdings nicht etwa aus dem Englischen aufgrund des atmosphärisch-himmelsnahen Streicherklangs ab, sondern kommt vermutlich aus dem Altfranzösischen und bedeutet soviel wie „Melodie“. Ein „Air“ repräsentiert also einen liedhaften, melodiösen Satz.

Bei diesem Werk verbindet sich melodische Ausdruckskraft mit technischer Meisterschaft und es gehört zu Recht zu einem der berühmtesten Musikstücken der Welt:




Und nun zu unseren Fragen:

  • Wer hat dieses Werk komponiert?

Ich denke, es sollte keine Schwierigkeit gewesen sein, Johann Sebastian Bach (1685-1750) als Komponisten dieses Werkes zu ermitteln.


  • Ist das Musikstück ein alleinstehendes Werk oder gehört es zu einem größeren Ganzen?

Von vielen wird es als alleinstehendes Werk betrachtet, was allerdings nicht stimmt. Es handelt sich hierbei um einen Satz aus einer Suite. Eine Suite im ursprünglichen Sinn ist in der klassischen Musik eine Abfolge von verschiedenen Tanzsätzen. In diesem Falle handelt es sich um eine Suite für Orchester; die Tanzsätze werden also von einem Orchester vorgetragen.

„Das 'Air' ein Tanzsatz? Es klingt nicht wie ein Tanzsatz!“, werden nun viele einwenden. Sehr richtig! Ein „Air“ wird als Zwischensatz einer Tanzsuite gebraucht, welcher der Tanzform enthoben ist. Typische Tanzsätze einer Suite wären Allemande, Courante, Sarabande, Rondeau, Menuette, Gavotte, Bourrée oder Gigue. Das klingt jetzt nach viel Fachvokabular, sollte uns aber nicht weiter beängstigen. Es handelt sich hierbei um meist kurze, beschwingte Sätze. Zusätzlich wird einer Suite oft ein einleitendes Musikstück, eine Ouvertüre, vorangestellt. Das „Air“ ist in diesem Fall der 2. Satz der Suite nach der Ouvertüre.


  • Welcher Gattung (Genre) lässt sich dieses Werk zuordnen?

Nun, man könnte es schon fast beim Lesen der vorherigen Antwort ahnen; es handelt sich um eine Orchestersuite. Um genau zu sein, handelt es sich um die Orchestersuite Nr. 3 in D-Dur, BWV1068.

Eine solche exakte Angabe wirkt komplex, lässt sich aber sehr schnell entschlüsseln:

Zunächst wird die Gattung des Werkes genannt, in unserem Fall die Orchestersuite. Anschließend folgt die Nummerierung, sollte der Komponist mehrere Werke dieser Gattung geschrieben haben. Dann folgt die Tonart, in der das Werk geschrieben steht, sowie die Nummerierung in einem spezifischen Werkverzeichnis des Komponisten. BWV steht in diesem Fall für „Bach-Werke-Verzeichnis“ und ordnet Bachs Werke nach Gattung.

Also nüchtern betrachtet ist das gar nicht so schwer. Und jeder, der jetzt Angst hat, weil er keine Gattungsbezeichnungen kennt, sei beruhigt: Wir werden jede einzelne mit vielen spannenden Hörbeispielen im Rahmen dieses Blogs besprechen. Also nur Mut!

  • Hat der Komponist weitere Werke dieses Genres komponiert?

Ja, Bach schrieb in Summe vier Orchestersuiten und jede einzelne ist hörenswert. Man wird viele bekannte Stücke finden, die ebenfalls in die Populärkultur Einzug gehalten haben.

Beispielsweise das Rondeau aus der Orchestersuite Nr. 2 h-moll BWV1067:




Oder der Schlusssatz namens Badinerie aus der gleichen Suite, ein tanzartiger, sehr populärer Kehraus:




Wer weitere Orchesterwerke Bachs erschließen möchte, der wird bei den Brandenburgischen Konzerten fündig, welche keine Tanz-Suiten mehr sind, sondern Konzerte für Orchester mit bestimmten Instrumentengruppen im Vordergrund. Doch diese Konzerte verdienen zu späterer Zeit ein eigenes Kapitel.


  • Welcher Epoche lässt sich das Werk oder der Komponist zuordnen?

Wir befinden uns im Zeitalter des Barocks, das mit Johann Sebastian Bach wohl seine Vollendung fand und die Form der Suite sich größter Beliebtheit erfreute. So gibt es Suiten für Orchester, aber auch für Soloinstrumente wie dem Cembalo, der Laute oder dem Cello.

Der vielleicht bekannteste Teil einer Suite für ein Soloinstrument ist das Menuett aus Bachs französischer Suite Nr. 3 in h-moll, BWV 814 für Cembalo. Populär wurde es als Tetris-Soundtrack, der wohl jedem von uns ein Begriff sein dürfte. Man könnte fast sagen, es handelt sich hier um die Hymne einer ganzen Game-Boy-Generation:




Ein weiterer sehr berühmter Suitensatz ist das Prélude, das Vorspiel, der ersten Cellosuite in G-Dur, BWV 1007, welches vor allem in der Filmindustrie gerne verwendet wird:




  • Gab es andere Komponisten in jener Zeit, die Ähnliches komponiert haben?

Die zwei berühmtesten Zeitgenossen von Bach waren Georg Friedrich Händel (1685-1759) und Antonio Vivaldi (1678-1741), welche heute beide neben Bach zu den bedeutendsten Komponisten des Barocks gehören.

Händel hat sich ebenfalls besonders um die Orchestersuite verdient gemacht. Speziell seine drei Suiten, die er bei Themse-Fahrten mit dem englischen Königshof komponiert hatte, schrieben als „Wassermusik“ Geschichte. Auch seine Orchestersuite namens „Feuerwerksmusik“ ist sehr bekannt. Es empfiehlt sich einfach mal wahllos hineinzuhören; man wird viele bekannte Melodien wiederfinden. Des Weiteren schrieb Händel aber auch Suiten für Cembalo. Der bekannteste „Tanz“ daraus ist mit Sicherheit die Sarabande aus der 4.Suite d-Moll HWV (Händel-Werke-Verzeichnis) 437, die es als Orchesterfassung zu Weltruhm schaffte:




  • Haben diese Komponisten abseits dieses einen Genres andere bedeutende Werke geschrieben?

Bach hat auf jedem Gebiet der Musikpraxis des Barocks (außer der Oper) Maßstäbe gesetzt, die in ihrem Ausmaß und ihrer Vollendung nahezu einzigartig in der Musikgeschichte sind und mit denen viele nachfolgende Generationen an Komponisten sich konfrontieren mussten. (Es sei hier schon mal vorab auf den ausführlichen Artikel „Vollendung findet neue Bahnen? – Mozart entdeckt den Barockverwiesen, der am Dienstag veröffentlicht wird.)

Vivaldi wurde vor allem durch seinen Konzert-Zyklus „Die vier Jahreszeiten“ weltbekannt, der sehr viele Melodien enthält, die kaum jemand nicht kennen kann. 

Händel schrieb auch mit seiner Kirchenmusik sehr bedeutende Werke. Man denke nur an die Stücke „For unto us a child is born“ oder Hallelujah“ aus dem Oratorium „Messiah“, HWV 56.

Auch Händels Krönungshymne „Zadok the Priest“, HWV 258 ist jedem bekannt, zumindest jedem aufmerksamen Fußball-Fan, der schon mal „Champions League“ geschaut hat:




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Somit beende ich meine Ausführungen zu Bachs „Air“ und hoffe, gezeigt zu haben, dass man mit etwas Recherche interessante Informationen sammeln kann, die das musikalische Umfeld eines bekannten Musikwerkes etwas besser beleuchten und sogar Verbindungen zu unserer Populärkultur knüpfen.

Wie gesagt: Mit dem Staunen und mit der Neugier fängt jede Wissenschaft an!

Morgen wagen wir uns an etwas modernere Musik, die den Begriff der Klassik ins Herz trifft.

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