Freitag, 22. November 2013

„Schubert – Pathologie am Klavier“


Sowohl der Komponist als auch der Mensch Franz Schubert (1797-1828) sind nicht zu beneiden. Zeitlebens litt dieser im Schatten seines Vorbildes Ludwig van Beethoven (1770-1827), erlebte nur ein einziges öffentliches Konzert seiner Werke und bei Verlagen hatte er auch kein glückliches Händchen. Zusätzlich war er angeblich eine unansehnliche Gestalt, hatte kein Glück bei Frauen und bekam mit zirka 24 Jahren bei einem (vermutlich) entgeltlichen Liebesabenteuer die damals unheilbare Krankheit Syphilis, was sein Todesurteil bedeutete. Die letzten Jahre seines Lebens lebte er verarmt und schwer krank auf dem Dachboden seines Bruders und starb dort mit 31 Jahren an Typhus.


Normalerweise würde eine solche Existenz sehr schnell in der Bedeutungslosigkeit der Geschichte verschwinden und vergessen werden. Doch in diesem Fall es das etwas anderes: Es handelt sich hier um einen der größten Komponisten, der je gelebt hat und der im Schwinden seiner Lebenskräfte zu musikalischen Höchstleistungen erstarkt ist, welche beispiellos in der Musikgeschichte sind. Die Werke, welche Schubert in seinen letzten Jahren seines tragischen Lebens komponierte, gehören zum Beeindruckendsten und Intensivsten der Romantik, nein, der klassischen Musik im Allgemeinen. Schuberts Musik ist unendlich von Trauer und Schmerz getragen und sie war sein Ventil, sein Leid in die Welt hinauszuschreien. Hierfür sprengte er die dynamische Ausdruckskraft der bisher üblichen klassischen Musik und erweiterte die Lautstärkenextreme vom kaum hörbaren piano pianissimo bis hin zu dem an der Schmerzgrenze liegenden forte fortissimo.

Schuberts tragisches Schicksal offenbarte sich auch hier: Dieser Schrei wurde erst von der nächsten Generation gehört, die seine großen Werke zur Uraufführung brachte, als Schubert schon längst verstorben war.

Ein Beispiel ist der langsame Satz (Andantino) seiner vorletzten Klaviersonate in A-Dur D 959, die unaufgeführt und unveröffentlicht in einer Lade neben Schuberts Sterbebett gefunden wurde. Dieser Satz besitzt eine dreiteilige Liedform A-B-A' und beginnt im ersten Teil mit einer Melodie so voller Weltschmerz, der man sich kaum erwehren kann. Der Mittelteil dieses Satzes (ab Minute 2:55 in der Hörprobe) gibt die Lautstärkenextreme in Schuberts Werk wieder und gehört zum Revolutionärsten und Schockierensten, das Schubert je komponiert hat: Qualvolle, dissonante Folgen von sich steigernden Ausbrüchen entführen einen in Sphären, welche die konventionelle Formsprache sprengen, wie es erst Arnold Schönberg (1874-1951) mit seinem op.11 im Jahre 1909 als Nächstes gelingen sollte.

Was wollte Schubert damit Ausdrücken? Ein Schrei voll ohnmächtiger Wut? Musikwerdung von Schuberts Fieberschüben? Darstellung des Endstadiums von Syphilis und Typhus? Die Ahnung des nahen Todes? Die Furcht sein Leben verwirkt zu haben? Die Fragen werden ewig unbeantwortet bleiben. Im dritten Teil dieses Satzes wird der erste Abschnitt mit einer zusätzlichen, unendlich verletzlichen Überstimme wiederholt, bevor die Musik für immer in sich erstirbt.

Diese Musik ist ein Mysterium, das ohne Worte Bestand finden muss. Zwei Monate später starb Schubert unerhört und unverstanden auf dem Dachboden seines Bruders.




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