Montag, 9. Dezember 2013

1. "Die Oper und das Leitmotiv" - Wagners "Tannhäuser"


Die Oper „Tannhäuser“ von Richard Wagner (1813-1883) lässt zwei Gegensätze aufeinander prallen, welche die Kunst und die Menschheit seit jeher beschäftigt haben: zum einen die strenge, fromme Keuschheit des innigen Glaubens und zum anderen die glühenden Begierde der erotischen Liebe. Kurzum, es geht um die reine Enthaltsamkeit und den ungezügelten Sex!

 

Und ohne noch zu wissen, was die Handlung denn so mit sich führt, bringt die monumentale Ouvertüre der Oper diese beiden Gegensätze musikalisch zum Ausdruck. Diese beginnt mit einem demütigen, sehnsuchtsvollen Thema, das in tiefem Glauben verwurzelt ist und einem Choral (Kirchenlied) gleicht. Durch die feine Orchestrierung wird dieses Thema durch immer weitere Instrumentengruppen bereichert, intensiviert und verziert. So schwillt langsam ein epochaler Klangkörper an, der aus seiner eigenen Spannung immer neue Energien schöpft, bis diese zu erstarren scheinen. Plötzlich bricht wie aus dem Nichts ein neues, übermütiges Thema (Minute 4:37), jenes der freien Liebe, hervor und führt nahezu zu ununterbrochenen hymnischen Höhepunkten (Minute 5:58 und 8:35). Nach dieser orgiastischen, triumphalen Entladung des zweiten Themas fällt dieses in sich zusammen und wird in das erste, tief gläubige Thema wieder zurückgeführt, das nun mit schwungvollen Streichern begleitet wird und seinen eigenen Höhepunkt findet, worauf die Ouvertüre feierlich schließt.



Ich halte fest: Wir wissen noch nichts von der Handlung, konnten aber dennoch zwei Motive erkennen, welche diese Ouvertüre ausmachen. Ich nenne diese schlicht:

a) Glaubens-Motiv
b) Lust-Motiv

Somit können wir den Spannungsbogen der Oper schon ganz gut musikalisch und wie inhaltlich einordnen, obwohl noch kein einziges Wort gesungen worden ist. -

Herzlich willkommen in der Welt der Leitmotive, wo Wagner zwar nicht der Erfinder, aber der Vollender war. Wie aus den einleitenden Worten entnehmen werden konnte, steckt auch unausgesprochen in den Themen und Motiven eine Welt in sich. Wagners Ouvertüre stellt die Themen vor, welche die gesamte Oper nahezu ununterbrochen durchziehen, in variierter Form wiederkehren und einen großen Teil der Spannung ausmachen. Sie sind die Keimzelle von Wagners Kosmos. -

Zur Handlung: Tannhäuser war ein Minnesänger, der auf der Wartburg mit anderen Minnesängern und seiner keuschen Freundin Elisabeth gehaust hatte. Eines Tages schied Tannhäuser jedoch von diesen in Unfrieden, da seine leidenschaftliche Art nicht mehr mit der spießigen Art der anderen zu vereinbaren war. So ließ er in der Wartburg alles liegen und stehen und wurde der Geliebte von Venus in ihrem Venusberg, wo alle sinnlichen Gelüste befriedigt wurden und der gute alte Tannhäuser sich bei Venus und ihren Nymphen so richtig austoben konnte. Das Lust-Motiv (Thema 2 der Ouvertüre) hängt also mit Orgien im Venusberg zusammen, wo Tannhäuser an vorderster Front mit dabei war und recht tapfer sowie lustvoll seinen Mann stand.

Allerdings wurde Tannhäuser im Venusberg sehr schnell ernüchtert, da er merkte, dass er trotz allem nur ein vergänglicher Mensch war, der diesen ununterbrochenen Sinnesfreuden, die er von Venus und ihren Gefährtinnen erhielt, nicht gewachsen war. Er merkte, dass er doch nach etwas anderem im Leben suchte. So entschied er, sich von Venus loszusagen und wieder eigene Wege zu gehen. Um dies Venus zu sagen, nahm er seine kleine Minnesänger-Harfe zur Hand und trällert sein Begehren Venus, ihn wieder fortziehen zu lassen. Begeistert stimmt Tannhäuser sein Lied mit dem Lust-Thema (also unser Leitmotiv Nummer 2) an, dessen Euphorie allerdings im Laufe des zweiten Teiles der Strophe nachlässt (0:49), da sich Tannhäusers seiner Unzulänglichkeit und seiner Ernüchterung im Venusberg wieder besinnt und sich ins irdische Leben zurücksehnt.

Die Allmacht der Venus wird durch den Einsatz des Orchesters (1:44) bei der Entgegnung von Tannhäusers Wunsch symbolisiert, das gegen die einzelne Harfe übermächtig im Kontrast steht. Venus zeigt sich unverständig, worauf Tannhäuser nochmal mit seinem Lied ansetzen muss, um seiner Bitte, gehen zu dürfen, Nachdruck zu verleihen (2:39). Dieser Nachdruck wird von Pizzicato (Zupfen) der Streicher begleitet, was Tannhäusers Gesuche intensiviert und sein Heimweh drängender erscheinen lässt. Verbittert muss Venus Tannhäuser schließlich gehen lassen und wirft ihn ins irdische Leben zurück. -



Wurde die Anwendung des einen Leitmotivs aus der Ouvertüre erkannt? Das Lust-Motiv aus der Ouvertüre (5:58) wurde auch hier dargestellt, allerdings durch Tannhäusers resignierender Haltung und seiner Sehnsucht nach dem Irdischen in den zweiten Strophenteilen ad absurdum geführt. Somit zerrann das Lust-Motiv und der Zauber der Venus endete. Das war Tannhäusers Befreiung aus der körperlichen Abhängigkeit der Liebesgöttin und sein Weg zurück ins Leben.

Der Venusberg löste sich also in Luft auf und Tannhäuser erwachte wie aus einem schweren Traum in einem Tal mit Blick auf die Wartburg in der Ferne, von wo tiefgläubige Pilger sich Tannhäuser nährten, die sich auf ihren Weg nach Rom zur Buße befanden. Tannhäuser fiel voll Reue auf die Knie, da er sich seiner Sünden und seiner getriebenen Unzucht im Venusberg wohl bewusst war, und lauschte andächtig dem tief frommen Gesang. -

Wir können es erahnen: Bei dem Pilgerchor handelt sich hierbei um das choralartige Glaubens-Motiv aus der Ouvertüre (Thema Nummer 1) und gehört zu den berührendsten Chorpassagen der Opernliteratur:



Etwas später kam der Landgraf mit seinem Gefolge (inklusive Minnesänger) vorbei, doch nur Tannhäusers alter Freund Wolfram von Eschenbach erkannte diesen. Der Landgraf sprach Tannhäuser eine Einladung auf die Wartburg aus, der dieser jedoch auswich. Erst Wolframs Hinweise, dass Elisabeth noch immer keusch in der Wartburg auf ihn warte und seit seines Verschwindens die Feste der Minnesänger mied, da Tannhäuser ihr liebster war, überzeugten ihn, doch mitzukommen. Tief bewegt von Elisabeths Treue folgte Tannhäuser seinen alten Gefährten auf die Wartburg.

Dort wartete tatsächlich Elisabeth bereits in der Sängerhalle, die sie so lange gemieden hatte, auf Tannhäuser (Ich nehme an, ein Botschafter wird voraus geritten sein und ihr Bescheid gesagt haben). Tannhäuser stürzt vor Elisabeths Füßen, um Demut und Reue zu zeigen. Auf Elisabeths Frage, wo er denn so lange gewesen sei, antwortete Tannhäuser:

„Fern von hier
in weiten, weiten Lande. Dichtes Vergessen
hat zwischen Heut und Gestern sich gesenkt.
All mein Erinnern ist mir schnell geschwunden ...“

Offensichtlich war die Wahrheit auch zu Zeiten Tannhäusers ein dehnbarer Begriff. Ein Treuebruchgeständnis sieht anders aus! Tannhäuser zog es vor, der keuschen Elisabeth nichts von seinen wilden Orgien mit Venus und den Nymphen zu sagen, da womöglich ihr Verständnis für sinnraubende Sex-Abenteuer mit echten Profis sich in Grenzen gehalten hätte …

Beide gestehen sich wieder ihre Liebe einander ein und beschließen, es noch einmal miteinander zu versuchen. Der Landgraf tritt hinzu und willigt gütig ein, das Gewesene auf sich beruhen zu lassen und ihrer Liebe beim abendlichen Minnesänger-Fest seinen Segen zu geben, wenn Tannhäusers Gesang diesen „Sängerstreit“ gewinne.

Happy end!!!

Happy end?!?

Leider nein! Wagner ist keine Rosamunde Pilcher! Und es wäre kein Wagner, würde die Oper keine weiteren zwei Stunden noch dauern. Aber keine Angst, ich mach es jetzt ganz schnell:

Das Fest beginnt und jeder Minnesänger soll ein Lied zum Thema „Liebe“ zum Besten geben, worauf der Sänger mit dem besten Lied zum Sieger gekürt wird. Den Gewinn beschreibt der Landgraf wie folgt:

„Wer sie [die Liebe] am würdigsten besingt, dem reich' Elisabeth den Preis, er fordre ihn so hoch und kühn er wolle ...“

Na, wenn das kein verlockendes Angebot ist. Es sei jeder Leser selbst aufgefordert, seine Fantasie anzuregen, was damit gemeint sein könnte!

Und dann beginnt der Wettstreit: Wolfram ist der erste und besingt die Liebe sehr schwülstig als Wunderbrunnen mit reinstem Wasser, den man nur anbeten, aber nicht berühren und das Wasser besudeln dürfe.

Tannhäuser entgegnet, dass auch er diesen Brunnen kenne und schätze, aber sich diesem nicht ohne heißer Sehnsucht nähern könne, um seinen brennenden Durst zu stillen. Ja, Tannhäuser wird sogar besonders bildlich und sagte relativ unverfroren, dass, wenn er Durst hätte, er einfach getrost seine Lippen an den Brunnen lege, um in vollen Zügen die Wonne zu trinken, da sein Verlangen nie erlösche.

(Ja, mit solchen Bilder spielte auch schon der gute alte Wagner …)

Man kann sich vorstellen, dass Tannhäusers Ansicht etwas Befremden in den Reihen der jungfräulichen Minnesänger auslöste, da diese doch etwas von Wolframs Ideal abwich. Von den Minnesängern wird Tannhäusers frivole Weise verurteilt, da es gelte, das Herz zu laben und nicht den Gaumen. Doch Tannhäuser wirft entgegen, dass man Himmel und Sterne anbeten solle, doch die Liebe sei rein des Genusses wegen da. Des Weiteren beschimpfte er die Minnesänger keine Ahnung von der Liebe und dem Tuten und Blasen zu haben, da sie all das noch nie sehen und erleben durften (seine Venus Fantasien kommen langsam wieder hoch). Wolfram versucht die gespannte Situation zu schlichten und fängt ein besänftigendes Lied an … doch Tannhäuser unterbricht ihn (Minute 1:24 in der Hörprobe) … seine Venus-Fantasien, seine körperlichen Begierden, seine Geilheit haben wieder ganz Besitz von ihm ergriffen. Das findet musikalisch in Tannhäusers Gesang, wie könnte es anders sein, durch das Lust-Motiv (Thema Nummer 2 der Ouvertüre) Ausdruck.

Und Tannhäuser singt mit Inbrunst im Wahn:

„Dir, Göttin der Liebe, soll mein Lied ertönen!
Gesungen laut sei jetzt dein Preis von mir!
Dein süsser Reiz ist Quelle alles Schönen,
und jedes holde Wunder stammt von dir.
Wer dich mit Glut in seinen Arm geschlossen,
was Liebe ist, kennt er, nun er allein: -
Armsel'ge, die ihr Liebe nie genossen,
zieht hin, zieht in den Berg der Venus ein!“

Mit Göttin der Liebe meint er natürlich nicht Elisabeth, welche ganz in keuschem, unschuldigem Weiß so hilflos da sitzt und gar nicht genau weiß, von was der fleischeslüsterne, vor Geilheit triefende Tannhäuser da singt. Die Minnesänger-Gemeinde ist schockiert (und vielleicht auch ein bisschen neidisch), da Tannhäuser mit diesen Worten seine Unzucht, seine Orgien im Berg der Venus eingesteht.



Tannhäuser wird gezwungen, mit dem Pilgerzug (Leitmotiv Nummer 1) nach Rom zu pilgern, um beim Papst um Gnade und um Erlass der Sünden zu beten.

Wird der Papst Tannhäuser empfangen und seine Sünden vergeben? Oder verwendet Wagner die Figur des Papstes nur, um eine radikale Kirchenkritik in Opernform zu üben? Kann Elisabeth einem geläuterten Tannhäuser noch einmal verzeihen? Kann Tannhäuser seine Sexsucht besiegen und friedvoll mit Elisabeth zusammenleben? Werden die beiden Flitterwochen im Venusberg machen? Oder sind beide längst zum Tode verdammt? 


Das sind alles sehr berechtigte Fragen, die allerdings nicht im Rahmen dieses Artikels beantwortet werden müssen, da hier nur die Verwendung der Leitmotive in einer Wagneroper vorgestellt werden sollten. Ich hoffe, dies wurde eindrucksvoll anhand beider Leitmotive an prägnant Stellen vorgeführt. Man merkt aber beim Hören aller durchkomponierten Wagner-Opern, dass die Motive fast ständig präsent sind und in variierter Weise stets wiederkehren.

Im nächsten Artikel verlassen wir den sündigen Venusberg und besuchen den Salon einer Edelhure in Paris ... Das ist der Stoff, aus dem Opern gemacht sind!

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