Sonntag, 28. Juni 2015

"Brahms - Schottische Legenden"



Legenden sind die besten Boten geheimnisvoller Orte. Sie verbreiten sich schnell und künden von den verborgenen Schätzen ihres Ursprungs. Jener, welchem diese Legenden zu Ohren kommen, erhält sofort eine Idee von diesem fernen Ort. Die Fantasie tut dann das Ihre, diesem Ort Gestalt zu verleihen. Wie die Wirklichkeit aussieht, wird zur Nebensache. Die Fantasie ist stärker und unerschöpflich ihre Inspiration.

Genauso erging es Johannes Brahms (1833-1897) mit Schottland. - Er hatte dieses rauhe, sagenumwobene Land nie bereist. - Es waren die Mythen und Legenden, die ihn zu Meisterwerken beflügelten, welche Schottland ein musikalisches Denkmal schenkten. 




Brahms verarbeitete bereits in seinem ersten veröffentlichten Werk als 20-Jähriger 1853 eine Anspielung auf Schottland. Das Finale seiner ersten Klaviersonate op.1 besitzt eine Rondoform, in welchem ein Thema im Tempo "Allegro con fuoco" ("Rasch mit Feuer") flott dahin rauscht und im Laufe des Satzes immer wiederkehrt. 

Diesem Thema sind zwei Zwischenspiele eingeschoben:

1) Das erste Zwischenspiel (von Minute 1:18 - 2:44 der Hörprobe) ertönt im sanghaft-sehnsüchtigen Charakter, der seinen romantischen Ursprung nicht leugnen kann. Eine ungewöhnliche, aber herzergreifende Eingebung von Brahms.

2) Das zweite Zwischenspiel (von Minute 3:12 - 4:36 der Hörprobe) schlägt andere Töne an. Das Sehnsüchtige wird ins Erhabene gesteigert und das Fernweh gesellt sich dazu. Es wirkt, als wolle jemand eine Geschichte erzählen. Ein Legendencharakter ist unverkennbar.

Und in der Tat dachte Brahms beim zweiten Zwischenspiel an ein Gedicht von niemand Geringerem als dem schottischen Nationaldichter Robert Burns (1759-1796). Dies gestand Brahms in einem Brief an seinen Freund, den Komponisten Albert Dietrich (1829-1908). Es handelte sich um das Gedicht "My Heart's in the Highlands", von dem die erste Strophe wie folgt lautet:

My heart's in the Highlands,
My heart is not here
My heart's in the Highlands
A-chasing the deer,
A-chasing the wild deer
And following the roe-
My heart's in the Highlands,
Wherever I go.

Und so klingt das Finale der ersten Klaviersonate von Brahms mit schottischem Intermezzo:




Doch das ist nicht die einzige Komposition, in der sich Brahms auf Schottland bezog. Ein Jahr nach der ersten Klaviersonate komponierte Brahms vier Balladen für Klavier als op.10. Nun ist der Begriff "Ballade" eher aus der Literatur bekannt, wo es sich um erzählende Lyrik handelt. Doch während der Romantik hielt diese Gattung auch Einzug in die Musik.

In dem ersten Stück bezog sich Brahms auf die schottische Ballade "Edward", welche Brahms aus seinem Lieblingsbuch "Stimmen der Völker in Liedern" von Johann Gottfried Herder (1744-1803) kannte. In dieser Ballade tritt Edward mit blutigem Schwert vor seine Mutter, welche ihn immer eindringlicher fragt, warum sein Schwert voll Blut sei. Nach anfänglichem Ausweichen gesteht Edward den Vatermord. Brahms hat die beklemmende Atmosphäre dieser schottischen Legende perfekt auf das Klavier übertragen:




Jahre später vertonte Brahms das Gedicht in Form eines beängstigenden Duettes (op.75/1) zwischen Mutter und Sohn, das einem den Schauer kalt über den Rücken laufen lässt:




Brahms Meisterwerk (was schottische Legenden betrifft) ist wohl sein "Gesang aus Fingal", den er ebenfalls Herders Buch entnommen hat. Fingal war ein sagenumwobener keltischer König, der von einem schottischen Dichter namens James Macphersons (1736-1796) in dessen Werk "Ossian" erwähnt wurde. Es wird aber vermutet, dass dieser König rein Macphersons Erfindung war, da dieser die überlieferten Texte, auf die er sich berief, selbst gefälscht haben soll.

Wie auch immer ... Brahms vertonte diesen Gesang (op.17/4) für eine wunderbar mythische Besetzung bestehend aus einem Frauenchor, einer Harfe und zwei Waldhörnern. Hier wird eine Legende auf Tönen gebaut. Kaum jemand kann sich den schwebenden Klängen dieser schottischen Legende entziehen:




Es stimmt, dass Brahms das wahre Schottland nie zu Gesicht bekommen hat. Er kannte es nur aus Sagen und Legenden. Seine Musik weiß von keiner Landkarte, sie entbehrt den strengen Raum. Doch durch ihre Freiheit macht sie uns Zuhörende in gewissen Momenten selbst frei. Das ist die Kraft, mit der Musik bereichernd vorüberzieht und uns manchmal auf eine Reise mitnimmt.





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