Montag, 6. Juli 2015

"Das Siciliano - Poesie des Herzens"

Milica Zdravkovic zum Geburtstag gewidmet

Das Siciliano ist eine Satzbezeichnung von bitter-süßer Wehmut in Opern, Sonaten oder Suiten. Idyllische Melodien und ein markanter, wiegender Rhythmus machen es zum unverwechselbaren Kleinod der klassischen Musik. Es kann sowohl einer einsamen Seele Trost schenken als auch zwei Herzen näher zusammenführen. Kaum jemand kann sich der Poesie erwehren, die das Siciliano verströmt und auf seine stille Weise von innen nach außen trägt.  


Ob der Begriff "Siciliano" dem Namen nach wirklich aus Sizilien stammt, kann nicht eindeutig belegt werden. Sicher ist, dass es im Italien der Renaissance seine Ursprünge hatte, doch erst um 1700 seine moderne Gestalt gewann. Maßgeblich daran beteiligt war der aus Sizilien stammende Komponist Alessandro Scarlatti (1660-1725), der das Siciliano manchen Arien seiner Opern und Kantaten zugrunde legte. Georg Friedrich Händel (1685-1759), der von 1706-1710 in Rom weilte und mit der Familie Scarlatti befreundet war, machte es darauf weit über Italien hinaus bekannt.

Doch den ersten wahren Höhepunkt erlebte das Siciliano in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter keinem Geringeren als Johann Sebastian Bach (1685-1750). Dieser komponierte verschiedenste Siciliani für unterschiedlichste Gattungen. Das bekannteste ist wohl jenes aus der Sonate für Flöte und Cembalo in Es-Dur (BWV 1031):




Doch auch das Siciliano aus der Sonate für Violine und Cembalo in c-Moll (BWV 1017) darf nicht vergessen werden:




Abseits der Kammermusik komponierte Bach auch Siciliani für größere Ensembles. Besonders berühmt ist jenes aus der Kantate "Gott soll allein mein Herze haben" (BWV 169) für Alt-Stimme, Orchester und Orgel. Die Arie mit Siciliano-Charakter trägt den etwas trübseligen Titel "Stirb in mir, Welt, und alle deine Liebe":




Bach musste die Melodie dieser Arie sehr gemocht haben, denn er hatte sie zuvor schon in einem Solo-Konzert verwendet, das leider verlorenging. Später griff er sie erneut für ein weiteres Solo-Konzert auf. Es handelt sich um den 2. Satz des Cembalokonzertes in Es-Dur (BWV 1053). Dieses ging zum Glück nicht verloren und kann uns nun als Hörbeispiel dienen:




Doch auch nach Bach sollten sich große Meister mit dem Siciliano beschäftigen. Dies tat beispielsweise Joseph Haydn (1732-1809), der Vater des modernen Streichquartetts. Er ließ es sich nicht nehmen, dem langsamen Satz aus seinem Streichquartett op.20 Nr.5 in f-Moll ein Siciliano zugrunde zu legen:




Eine der wohl ergreifendsten und tiefsinnigsten Schöpfungen eines Sicilianos gelang Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) im zweites Satz seines 23. Klavierkonzerts in A-Dur (KV 488). Dieser Satz stellt einen Höhepunkt in Mozarts Schaffen dar und gewährt tiefe Einblicke in die Seele des zuweilen melancholischen Meisters:




Es wäre nicht richtig, eine italiensische Erfindung nur mit deutschsprachigen Meistern zu illustrieren. Deswegen soll die letzte Hörprobe ganz und gar Italien verschrieben sein. Mehr noch ... das Siciliano soll durch die Arie einer Oper veranschaulicht werden, die uns nach Sizilien (dem vermeintlichen Ursprung des Sicilianos) entführt. Es handelt sich um Pietro Mascagnis (1863-1945) Meisterwerk "Cavalleria Rusticana", das in einem sizilianischen Dorf spielt, wo Wein und Blut, Ehre und Rache noch großgeschrieben werden.

Dem an sich schon sehr leidenschaftlichen Vorspiel der Oper ist eine Arie (2:43-4:25) eingeschoben, welche authentisch im siziliansichen Dialekt zu singen ist. Natürlich ist dieser Arie ein echtes Siciliano zugrunde gelegt, wo sehnsuchtsvoll ein Mann seine Liebe zu einer verheirateten Frau preist. Hier nimmt das Unglück mit wunderbarster Musik seinen Ausgang und es folgt eine der leidenschaftlichsten Opern, die je komponiert wurden.

[Das Titelbild dieses Artikels stammt übrigens von einer Illustration der Novelle "Cavalleria Rusticana" des sizilianischen Schriftstellers Giovanni Verga (1840-1922), auf der die Oper basiert.]

Doch wir begnügen uns hier mit dem Vorspiel der Oper inklusive jener Arie, die uns ein weiteres ergreifendes Siciliano schenkt

... und das mit sizilianischer Poesie, deren Worte man nicht verstehen muss, um das Gefühl zu begreifen ...




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