Sonntag, 6. Juli 2014

"Nicht jede Parodie ist lustig - IV. Spätromantik"

--- für Milica ---


Unter einer Parodie versteht man im landläufigen Sinn eine komisch-satirische Nachahmung oder Umbildung eines berühmten Werkes. Dabei wird die ursprüngliche Intension des Werkes meist leicht abgeändert oder übersteigert, sodass es auf eine übertrieben-verzerrte Weise ins Lächerliche gezogen wird. Derartige Parodien (griechisch παρωδία für „der Nebengesang oder das Gegengedicht“) gab es bereits seit jeher und sie waren immer ein Ventil, um Emotionen, Missstände oder einfach nur Geselligkeiten (seien diese politischer, humanistischer oder künstlerischer Natur) im Deckmantel des Humors aufzuzeigen und Raum zu geben.

Und was hat das mit Musik zu tun?

Auch in der Musik existieren Parodien! Der Begriff "Parodie" dient aber in der Musikwissenschaft nicht zur humoristischen Überzeichnung, sondern zur Verwendung eines bestimmten Materials, das bereits existiert. Und das taten viele bequeme (und etwas faule) Komponisten nahezu regelmäßig: Sie nahmen ein bereits komponiertes Werk und benutzten dieses in einem anderen Zusammenhang einfach noch einmal. Hierfür wurde dieses etwas abgewandelt, indem ein neues Instrumenten-Ensemble oder einfach nur ein anderer Text der Komposition zugrunde gelegt wurde.

Kurzum: Nicht jede Parodie ist lustig!!!

Dieses Phänomen kann man in jeder Epoche finden. Diese Art des ökonomischen Gebrauches findet man vom Barock ausgehend bis hin zu bekannten Popliedern, die sich relativ frech klassische Melodien einfach stehlen. 

Grund genug für Sölkners Klassik-Kunde, diesem Phänomen nachzugehen. Wir haben uns in den letzten Beiträgen mit dem Barock, der Wiener Klassik und der Frühromantik auseinandergesetzt. Heute wenden wir uns der Spätromantik und ihrem Großmeister, Johannes Brahms, zu.


Johannes Brahms (1833-1897) ist eine Schlüsselfigur in der Musikgeschichte. Ihm ist es gelungen, die romantische Musiksprache unter Wahrung der klassischen Form zu einem letzten großen Höhepunkt zu führen. Bereits die nächste Generation mit Gustav Mahler (1860-1911) erweiterte die klassische Form derart, dass sie am Ende so gut wie überwunden war. Die übernächste Generation mit Arnold Schönberg (1874-1951) sprengte die klassische Form endgültig und begründete einen neuen Zugang zur Musik. 

Das bedeutet aber nicht, dass die nachfolgenden Generationen Brahms wenig geschätzt hätten. Das Gegenteil war der Fall! Sie bewunderten Brahms, wie er im Rahmen der Konvention zu immer neuen Lösungsansätzen kam und dadurch die Musik im gesamten weiterentwickelte. Diese Tatsache verleitete Schönberg zu einer Huldigung an Brahms in Form seines Ausfatzes "Brahms-Der Fortschrittliche". So bürgerte sich dann auch schnell das geflügelte Wort ein, dass Brahms der "konservative Revolutionär" sei.

Brahms historisches Bewusstsein, sein Konservatismus, wird nicht nur durch die Verwendung von klassischen Formen gekennzeichnet, sondern auch durch den Gebrauch von Volksliedgut oder barocken Tanzformen, denen er in romantischen Gewändern zu neuem Glanz und neuer Gestalt verholfen hatte. Und diese neue Gestalt war tatsächlich meist mehr als geistreich ... Sie war revolutionär! Ein Beispiel hierfür ist ein Jugendwerk von Brahms, das in den 1850er Jahren entstanden war. Es handelt sich um eine Sarabande, die ursprünglich als höfischer Barock-Tanz galt:



Dieses doch recht einfache Thema schien Brahms sehr gefallen zu haben. In seinem Streichquintett op.88 griff er dieses im Jahre 1882 erneut als Hauptthema des 2.Satzes auf und fügte zwei beschwingte Zwischenspiele in Minute 2:02 sowie 6:14 der Hörprobe hinzu. Das schlichte Sarabande-Thema erfährt durch dieses neue Arrangement eine immense Aufwertung als Parodie. Gleichzeitig wird es in einer neuen, erweiterten Form eingebettet:



Geistreich und poetisch ... Brahms in Reinkultur!

Doch Brahms hatte noch viel mehr mit dem Thema vor: Es wurde Teil von seinem späten Meisterwerk, dem Klarinettenquintett op.115, das 1891 komponiert wurde. Auch der wunderbare langsame Satz, das (aus einer dreiteiligen Liedform bestehende) Adagio, basierte auf dem Thema der Sarabande. Dieses wird hier auf sensibelste Weise zur höchsten Entfaltung gebracht:



Ein lyrisches Stück Himmel ...

Eine Melodie in drei Gestalten, in drei Formen ...

Soviel zu Parodien verschiedener Epochen ... Es gäbe noch viele Beispiele und so manche werden uns wohl auch künftig noch begegnen. Diesmal sei aber genug darüber geschrieben!

Ich möchte diese Beitragsreihe mit der Erkenntnis beenden, dass eine einzige Melodie in unterschiedlicher Gestalt auch mehrere Welten in sich bergen kann! 

So weit, so tief ... so unerschöpflich ist die Welt der Musik!





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