Montag, 28. Juli 2014

„Film und Klassik – Somewhere Over the Rainbow“


Was wäre ein Film nur ohne Musik?! Wie notwendig ist doch die passende musikalische Begleitung, um der Spannung des Films ihren wahren Glanz zu verleihen. Was wären Liebesszenen ohne den schwebenden Klängen der Streicher, was Kämpfe und Duelle ohne den martialischen Sound der Blechbläser; was wären Trauer und Melancholie ohne der sanften Melodie des Klaviers? Ja, Filmmusik ist notwendig und bereichernd, um Szenen zusätzliche Tiefe zu verleihen. Und manchmal, wenn diese Musik besonders gelungen und eingängig ist, erlangt diese über den Film hinaus Bekanntheit und wird ein Teil unserer Populärkultur:

Schließlich weiß heutzutage jedes Kind, wie es klingt, wenn sich ein weißer Hai nähert, wenn ein Archäologe mit Peitsche und Hut verlorene Schätze sucht, wenn ein britische Geheimagent Weltherrschaftspläne anderer vereitelt, wenn ein metrosexueller Pirat durch die Meere kreuzt oder wenn eine Frau unter der Dusche erstochen wird.

Diese Melodien sind sehr populär und leicht wiederzuerkennen, auch wenn die Filme selbst nicht gesehen wurden. Was aber wenige wissen, ist, dass sich ziemlich alle populären Filmthemen aus der Klassischen Musik ableiten lassen. Und genau davon soll die Rubrik "Film und Klassik" bei Sölkners Klassik-Kunde handeln!


Heute ist eine der wohl bekanntesten und beliebtesten Balladen des 20. Jahrhunderts unser Thema. Es handelt sich um das Lied "Somewhere Over the Rainbow", das im Jahre 1939 von Harlold Arlen (1905-1986) für den Film "The Wizard of Oz" komponiert wurde. Dort wird es von der jugendlichen Judy Garland (1922-1969) auf bezaubernd sehnsuchtsvolle Weise gesungen:




Das Lied wurde später von unzähligen Künstlern unterschiedlichster Qualitäts- und Gewichtsklassen gecovert und neu interpretiert. Das Original beruht aber auf dem Film "The Wizard of Oz"!

Der Artikel könnte hier zu Ende sein, doch so einfach macht es sich Sölkners Klassik-Kunde nicht! Das Lied an sich hat seinen Ursprung 1939, die musikalische Idee aber keinesfalls! Die Melodie hat ihre Wurzeln wie so oft in der Klassischen Musik, in der Spätromantik.

Den eigentlichen Ursprung hat die Melodie möglicherweise in Edvard Griegs (1843-1907) Klavierkonzert in a-Moll, welches 1869 komponiert wurde. Dessen recht mächtiger 3. Satz besitzt eine sehr lyrische Passage, die fast wie eine romantische Fantasie über die doch sehr klare Melodielinie von Arlen klingt. Diese entstand immerhin 70 Jahre vor "Somewhere Over the Rainbow". Man höre sich einfach die lyrische Passage von Minute 2:44 bis 5:18 in der Hörprobe an. Ich denke, feine Ohren können die Gemeinsamkeiten problemlos hören:



Mit etwas Fantasie kann man diese Fantasie erkennen!

Dass die Melodie von "Somewhere Over the Rainbow" auch reif für die Oper ist, zeigen unsere nächsten beiden Beispiele:

Pietro Mascagni (1863-1945) war ein wunderbarer italienischer Komponist, der wohl zu den ganz großen Verdi-Nachfolgern auf dem Gebiet der Oper gehörte und nur von Giacomo Puccini (1858-1924) übertroffen wurde. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich seine Intermezzi, die er als orchestrale Zwischenspiele in seinen Opern verwendete. Das bekannteste Intermezzo ist bestimmt das aus seinem Meisterwerk "Cavalleria rusticana", doch auch jenes aus der Oper "Guglielmo Ratcliff" ist sehr beliebt. Diese Oper basiert auf einem Werk von Heinrich Heine (1797-1856) und wurde 1895 uraufgeführt. 

Dieses Intermezzo wurde auch weit außerhalb Italiens bekannt und ich könnte schwören, dass es auch Arlen besonders gut vertraut war:



Hier wird es melodisch schon sehr ähnlich, nicht wahr?

Der große böhmische Komponist Antonin Dvořák (1841-1904) schrieb gegen Ende seines Lebens nur noch Opern, von denen "Rusalka" besonders bekannt wurde und auch heute noch als eine der bedeutendsten tschechischen Opern gilt. Eine Arie daraus hat es zu den leuchtendsten und bekanntesten der Operngeschichte geschafft und dürfte vielen auch abseits der Oper "Rusalka" vertraut sein. 

Wenn man den wunderschönen Refrain in den Minuten 2:01 sowie 4:14 der Hörprobe vernimmt, wird man die letzte Gewissheit haben, dass die Melodie von "Somewhere Over the Rainbow" nicht allein Harold Arlens Verdienst ist, sondern Dvořák der wahre Urheber war. Dvořáks Arie heißt übrigens "Měsíčku Na Nebi Hlubokém". Hier wird kein Regenbogen besungen, es handelt sich um ein sehnsuchtsvolles Lied an den Mond:




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