Donnerstag, 12. Juni 2014

"Nicht jede Parodie ist lustig - I. Barock"


Unter einer Parodie versteht man im landläufigen Sinn eine komisch-satirische Nachahmung oder Umbildung eines berühmten Werkes. Dabei wird die ursprüngliche Intension des Werkes meist leicht abgeändert oder übersteigert, sodass es auf eine übertrieben-verzerrte Weise ins Lächerliche gezogen wird. Derartige Parodien (griechisch παρωδία für „der Nebengesang oder das Gegengedicht“) gab es bereits seit jeher und sie waren immer ein Ventil, um Emotionen, Missstände oder einfach nur Geselligkeiten (seien diese politischer, humanistischer oder künstlerischer Natur) im Deckmantel des Humors aufzuzeigen und Raum zu geben.

Und was hat das mit Musik zu tun?

Auch in der Musik existieren Parodien! Der Begriff "Parodie" dient aber in der Musikwissenschaft nicht zur humoristischen Überzeichnung, sondern zur Verwendung eines bestimmten Materials, das bereits existiert. Und das taten viele bequeme (und etwas faule) Komponisten nahezu regelmäßig: Sie nahmen ein bereits komponiertes Werk und benutzten dieses in einem anderen Zusammenhang einfach noch einmal. Hierfür wurde dieses etwas abgewandelt, indem ein neues Instrumenten-Ensemble oder einfach nur ein anderer Text der Komposition zugrunde gelegt wurde.

Kurzum: Nicht jede Parodie ist lustig!!!

Dieses Phänomen kann man in jeder Epoche finden. Diese Art des ökonomischen Gebrauches findet man vom Barock ausgehend bis hin zu bekannten Popliedern, die sich relativ frech klassische Melodien einfach stehlen. 

Grund genug für Sölkners Klassik-Kunde, diesem Phänomen nachzugehen. Wir beginnen heute mit Teil I im Barock und werden bereits bei den drei ganz großen Barockern fündig: Vivaldi, Händel und Bach.



Den Beginn macht eine der wohl bekanntesten Kompositionen der Musikgeschichte, "Le quattro stagioni" ("Die vier Jahreszeiten") von Antonio Vivaldi (1678-1741). Wer kennt den herrlichen Eröffnungssatz nicht, der auf wunderbare Weise den Überschwang und den Reichtum des Frühlings preist!? Dieser Satz ist voll und ganz dem Erblühen, Gedeihen und Aufleben gewidmet:





Weniger bekannt ist, dass genau dieser Satz (von Vivaldi selbst) einige Jahre später in der Oper "Dorilla in Tempe" parodiert wurde. Hier wurde das einleitende Thema des Frühlingssatzes erneut aufgegriffen und von einem Chor als Arie "Dell'aura al sussurrar" dargeboten. Passenderweise handelt es sich hierbei ebenfalls um einen Lobgesang an den Frühling:




Georg Friedrich Händel (1685-1759) war ebenfalls ein Komponist, der sich sehr gerne selbst parodierte. Als Musikfreund könnte man es sich fast zum Hobby machen, bekannte Themen von Händel in ihrer unterschiedlichsten Verwendung aufzuspüren. Heute wollen wir uns aber lediglich mit Händels bekanntesten und vielleicht sogar schönsten Opernarie beschäftigen. Es handelt sich um "Lascia ch'io pianga" aus der Händel-Oper "Rinaldo", welche 1711 entstanden war:




Bewegend, nicht wahr?

Allerdings ist diese Arie bereits eine zweifache Parodie. Die gesamte Arie wurde schon (wenn auch mit anderem Text) in Händels Oratorium "Il trionfo del tempo e del disinganno" aus dem Jahre 1707 verwendet, als in Rom ein etwas wirrer Papst die Aufführung von Opern verboten hatte. Die Melodie dieser schönen Arie ist sogar noch älter und wurde bereits in Händels ersten Oper "Almira" aus dem Jahre 1705 als Tanzsatz verwendet.

Tja, Händel wusste eben, was gute Musik war und scheute nicht, diese auch öfters zu gebrauchen!  

Ähnlich war es mit Johann Sebastian Bach (1685-1750). Auch er benutzte sehr häufig eigenes Themenmaterial. Ein sehr dankbares Feld hierfür sind seine 6 Brandenburgischen Konzerte, in denen er für verschiedenste Ensembles höchst geistreiche Musik komponierte. Man untertreibt nicht, wenn man sagt, dass hierbei Bach wohl einer der bedeutensten Konzertzyklen des gesamten Barocks gelungen ist. Das berühmteste dieser Konzerte ist wohl das dritte, das für reine Streicherbesetzung komponiert wurde. Der feudal-erhabene Streicherklang gehört zu Bachs einnehmensten Kompositionen, dem sich kaum jemand erwehren dürfte:





Das wusste freilich auch Bach und parodierte diesen Satz in seiner Kantate "Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte", BWV 174. Es spricht schon für sich, wenn Bach diesen Satz aufgreift, um den Höchsten zu huldigen! Allerdings fügte er hierbei dem Streichensemble Hörner und Oboen hinzu: 





Soviel zu den Parodien im Barock! Diese Art des ökonomischen Gebrauches von Themenmaterial wusste aber auch eine jüngere Generation zu nutzen. Diese wird im nächsten Artikel unter die Lupe genommen, wenn es heißt:

"Nicht jede Parodie ist lustig - II. Wiener Klassik"



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