Sonntag, 18. Mai 2014

"Beethoven und Brahms - Wenn das Schicksal zweimal klopft"


Was ist es, das Musik groß macht? 

Ist es die Eingängigkeit ihrer Motive? Ist es die Wucht, mit der sie uns durchdringt? Oder ist es der innere Kampf des Schöpfers mit seinem eigenen Werk?

Was auch immer die Antwort sein mag, der erste Satz der 5. Symphonie in c-Moll, op.67 von Ludwig van Beethoven (1770-1827) erfüllt jedenfalls alle Kriterien, um als große Musik gelten zu dürfen. 
 

Sprachlos und voller Bewunderung werden wir vor ein Monument gestellt, das in seiner Schlichtheit und Kompromisslosigkeit nie dagewesene Tiefen, oder besser gesagt Abgründe offenbart. Wir werden hier Zeugen eines Kampfes, der in seiner Unerbittlichkeit schicksalshafte Züge annimmt. Und so kam es, dass nicht nur Beethovens Sekretär Anton Schindler (1795-1864) das wuchtig einleitende Motiv als "Schicksal, das an die Pforte klopft" deutete, wodurch der Name "Schicksalssymphonie" geboren ward, mit dem das wohl berühmteste Thema der Musikgeschichte als "Schicksalsmotiv" seinen Siegeszug rund um die Welt antreten durfte:




Ob Beethoven selbst diese Symphonie direkt mit dem Schicksal in Verbindung brachte, kann nicht restlos geklärt werden, ist aber für das Verständnis des Werkes unerheblich. Tatsache ist, dass Beethoven in der Entstehungszeit dieser Symphonie (1800-1808) schwere persönliche und intellektuelle Krisen durchleben musste. Beethoven war mit seiner bisherigen Arbeit "wenig zufrieden" und sah sich gezwungen, "neue Wege" einzuschlagen, indem er die traditionelle musikalische Form erweiterte (und am Ende gar sprengte). Er wollte "die  musikalische Form in einem emphatischen Sinne als Prozess, als drängende, unaufhaltsame Bewegung" (Dahlhaus) erscheinen lassen. Dies gelang Beethoven auch im Rahmen langer, harter Kämpfe und Entwicklungsprozesse mit sich selbst, in denen er schließlich seine Selbstzweifel, wenn schon nicht überwunden, dann zumindest erfolgreich bekämpft hatte. Und das Ergebnis, die unaufhaltsame Bewegung, schlug sich nicht zuletzt in den schicksalshaften Zügen der 5. Symphonie nieder. 

Eine weitere Krise in dieser Zeit war seine schnell voranschreitende Taubheit. - Blindheit distanziert bekannntlich von den Dingen, Taubheit von den Menschen. - Und so vereinsamte Beethoven zusehends und bekam Existenzängste, da Taubheit schließlich nicht die denkbar günstigste Krankheit für einen Komponisten war. Bereits mit 28 Jahren litt er unter dem Gedanken, er sei aufgrund seines Hörverlustes "gezwungen, Philosoph zu werden". Doch diese Furcht war unbegründet! 

Beethovens körperliches Gebrechen konnte seinem musikalischen Genie nichts anhaben.

Dass Beethoven durch all diese Leiden wohl nicht der angenehmste Zeitgenosse war und er zeitlebens Junggeselle blieb, sei nur am Rande erwähnt. Diese Tatsache hatte auf sein Werk außer ein paar Briefen an eine nicht näher bekannte "unsterbliche Geliebte" keinen nennenswerten Einfluss. 

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Ein anderer musikalischer Großmeister, der das schwere und gewaltige musikalische Erbe Beethovens antreten musste, litt jedoch so sehr an seinem lebenslangen Jungesellen-Dasein, sodass dieser sich nach einer idealisierten (für ihn dauerhaft unerreichbaren) Gestalt verzehrte. Und dieses Sehnen nach Erhört-Werden zieht sich auf wunderbarste und intensivste Weise durch sein gesamtes Werk. Er ging dabei sogar soweit, nicht einmal vor dem Gebrauch von Beethovens Schicksalsmotiv zurückzuschrecken!

Der musikalische Großmeister und mehr als würdige Erbe von Beethovens Vermächtnis war kein Geringerer als Johannes Brahms (1833-1897) und seine idealisierte Gestalt, seine Muse, war Clara Schumann (1819-1896).


Long story short: Johannes Brahms wurde von dem Komponisten Robert Schumann (1810-1856), Claras Ehemann, 1853 gefördert und durfte im Hause Schumann einziehen. Johannes verliebte sich in Clara und widmet ihr ein Werk nach dem anderen. Robert hatte Syphilis im Endstadium, beging 1854 einen erfolglosen Selbstmordversuch und verbrachte geistig umnachtet bis 1856 sein restliches Leben in einer Irrenanstalt. Johannes blieb in dieser Zeit aber bei Clara und die Welt rätselt bis heute wie weit ihr Verhältnis ging. (Das Verhältnis eines Knabens mit einer 14 Jahre älteren Frau wäre damals wohl ein Skandal gewesen, weshalb beide einvernehmlich die meisten gemeinsamen Korrespondenzen am Ende ihres Lebens verbrannten.) Wie auch immer ... nach Roberts Tod endete die "Wohngemeinschaft" von Johannes und Clara. Brahms begann sich nach ihr ein Leben lang zu verzehren...

Das klingt jetzt möglicherweise alles etwas nach einen Rosamunde Pilcher-Film für Erwachsene, ist aber in der Tat der Nährboden für ein zutiefst beeindruckendes Stück Musikgeschichte. Brahms komponierte zu dieser Zeit den ersten Satz seines Klavierquartetts in c-Moll, op.60, das erst 20 Jahre später vollendet werden sollte. Allein das einleitende Motiv des ersten Satzes (Minute 0:04 der Hörprobe) dieses in der Liebe enttäuschten Mannes zeigt sowohl seine Obession wie seine Genialität: Es ist das phonetische Äquivalent des Namens "Clara"!

Was bei Beethoven das "Schicksalsmotiv" war, ist bei Brahms hier das "Seufzermotiv" nach Clara!

Und was diesem Motiv folgt ist wuchtiger Trotz eines gekränkten, aber genialen Gemüts (1:00) bis hin zu exaltierten, triumphal-leidenschaftlichen Ausbrüchen (4:23-6:28), die den Namen "Clara" nur noch intensiver und sehnsuchtsvoller nachhallen lassen:



Das ist schon sehr emotionale Musik, nicht wahr? Jeder von uns kennt wohl solch ein Empfinden, doch es bedurfte einen Meister wie Brahms, um es Ton werden zu lassen ...

Dass Brahms diesen Satz oftmals in Zusammenhang mit "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolgang von Goethe (1749-1832) brachte, wo sich ein junger Mann aufgrund von unerfüllter Liebe das Leben nimmt, kann wohl nicht als Zufall abgetan werden.

Was hat nun das "Seufzermotiv" von Brahms mit dem "Schicksalsmotiv" von Beethoven zu tun?
 
Ganz einfach: NICHTS!!!

Doch als Brahms 20 Jahre später in den wilden 1870ern das Werk vollendete und einen Finalsatz hinzukomponierte, besann er sich des dramatischen Charakters des ersten Satzes und griff dabei (wenn auch etwas selbstironisch) tief in die musikalische Trickkiste und bediente sich bei Beethovens Schicksalsmotiv. So gewann auch der Finalsatz schicksalshafte Gestalt, wenn auch in neuem Gewande.

Doch es höre, genieße und bewundere jeder selbst:





Beethoven und Brahms ... zwei Genies, zwei Klangkosmen, die ihr Leid durch Musik zum Ausdruck brachten!

Was ist es nun, das Musik groß macht? 

Vielleicht der Versuch, wahres Empfinden direkt zu vermitteln ...

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