Dienstag, 17. Juni 2014

"Nicht jede Parodie ist lustig - II. Wiener Klassik"


Unter einer Parodie versteht man im landläufigen Sinn eine komisch-satirische Nachahmung oder Umbildung eines berühmten Werkes. Dabei wird die ursprüngliche Intension des Werkes meist leicht abgeändert oder übersteigert, sodass es auf eine übertrieben-verzerrte Weise ins Lächerliche gezogen wird. Derartige Parodien (griechisch παρωδία für „der Nebengesang oder das Gegengedicht“) gab es bereits seit jeher und sie waren immer ein Ventil, um Emotionen, Missstände oder einfach nur Geselligkeiten (seien diese politischer, humanistischer oder künstlerischer Natur) im Deckmantel des Humors aufzuzeigen und Raum zu geben.

Und was hat das mit Musik zu tun?

Auch in der Musik existieren Parodien! Der Begriff "Parodie" dient aber in der Musikwissenschaft nicht zur humoristischen Überzeichnung, sondern zur Verwendung eines bestimmten Materials, das bereits existiert. Und das taten viele bequeme (und etwas faule) Komponisten nahezu regelmäßig: Sie nahmen ein bereits komponiertes Werk und benutzten dieses in einem anderen Zusammenhang einfach noch einmal. Hierfür wurde dieses etwas abgewandelt, indem ein neues Instrumenten-Ensemble oder einfach nur ein anderer Text der Komposition zugrunde gelegt wurde.

Kurzum: Nicht jede Parodie ist lustig!!!

Dieses Phänomen kann man in jeder Epoche finden. Diese Art des ökonomischen Gebrauches findet man vom Barock ausgehend bis hin zu bekannten Popliedern, die sich relativ frech klassische Melodien einfach stehlen. 

Grund genug für Sölkners Klassik-Kunde, diesem Phänomen nachzugehen. Wir haben uns das letzte Mal im ersten Teil mit dem Barock beschäftigt. Heute wenden wir uns der Wiener Klassik mit ihren drei Hauptvertretern zu. Es sind keine Geringeren als Haydn, Mozart und Beethoven.



Joseph Haydn (1732-1809) kann in vielerlei Hinsicht als Vater der Wiener Klassik gelten. Die Gattungen des Streichquartettes und der Symphonie wurden von ihm maßgeblich mitgestaltet sowie entwickelt und jeder nachgeborene Komponist kam nicht umhin, sich mit der Originalität und dem Einfallsreichtum von Haydns Werk zu beschäftigen.

Haydn hatte darüber hinaus das Glück, bereits zu Lebzeiten geschätzt und geachtet zu werden. Vor allem in seinen späten Jahren wurde ihm auf den Britischen Inseln besonders viel Beifall zuteil, sodass er nicht nur die Ehrendoktorwürde von der Universität in Oxford annahm, sondern auch seine letzten 12 Symphonien, die "Londoner Symphonien" genannt wurden.

Die bekannteste davon ist mit Sicherheit Symphonie Nr. 94 in G-Dur, die meist nur als "Symphonie mit dem Paukenschlag" bezeichnet wird. Dieser Titel ist jedoch sehr irreführend und wurde im englischsprachigen Raum sinnvoller mit "Surprise" bezeichnet. Diese "Überraschung" bezieht sich auf den 2. Satz der Symphonie, in welchem ein sehr eingängiges Thema variiert wird. Nachdem das Thema zweimal gemächlich vorgetragen wurde und der Zuhörer versucht ist, langsam vor sich hinzudösen, wird dieser durch die "Überraschung" im Takt 16 (Minute 0:30 in der Hörprobe) aus seinem Schlummer gerissen. Darauf entspinnt sich eine herrliche Variationsreihe, die schlichtweg originell und meisterhaft ist.

Das ist nur ein Beispiel von der jugendlichen Frische, die sich der humorvolle Großmeister Haydn sein Leben lang bewahrt hatte:




Dass Haydn selbst auf dieses Thema stolz und sich seiner Popularität bewusst war, kann man an dem erneuten Gebrauch in Haydns großem Oratorium "Die Jahreszeiten" erkennen. Die Arie "Schon eilet froh der Ackersmann" greift auf dieses Thema zurück und parodiert es somit: 




Wurde das Thema entdeckt? Ab Minute 0:24 ...

Ein ähnlicher Gassenhauer gelang Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) in seinem Opernmeisterwerk "Le nozze di Figaro". Das Finale des ersten Aktes erreichte Bekanntheit, die weit über die Oper hinausging:




Wiedermal eine wunderbare Eingebung von Mozart, die einem kaum aus dem Ohr gehen mag ...

Auch Mozart war sich des Wiedererkennungswertes dieser Arie bewusst und parodierte sie im Finale seiner nächsten Meisteroper "Don Giovanni". In diesem Finale spielt eine kleine Kapelle bei einem Festmahl verschiedenste Melodien aus unterschiedlichen zeitgenössischen Opern, die eifrig von Don Giovannis Diener, Leporello, kommentiert werden. Als schließlich jene hauseigene Melodie aus Mozarts Figaro gespielt wurde, kommentiert Leporello das schlicht mit: "Questa poi la conosco pur troppo!" ("Die Musik kommt mir äußerst bekannt vor!")

Mit so trockenem Humor kann eine Parodie bei einem Festmahl serviert werden! 

Vergleicht man Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit seinen beiden älteren Epochenkollegen, so erkennt man schnell, dass Beethoven wohl etwas weniger Humor und Selbstironie, dafür aber zumindest ebenso geistreiche Musik zu eigen hatte. Dennoch kann man bei Beethoven Parodien entdecken (wenn auch aus Werken von anderen Großmeistern).

Man nehme beispielsweise die Krönungshymne "Zadok the priest" von Georg Friedrich Händel (1685-1759), auf der auch die Hymne der UEFA (Vereinigung Europäischer Fußballverbände) basiert:





Es lässt sich schwer rekonstruieren, ob Beethoven ein größerer Verehrer von Händel oder des europäischen Fußballs war, jedenfalls parodierte er diese Hymne im Finale seines Oratoriums "Christus am Ölberg". Dieses Finale heißt "Welten singen Dank und Ehre". Ich denke, etwas des Dankes gebührt auch Händel (und der UEFA):




Soviel zu den Parodien der Wiener Klassik! Diese Art des ökonomischen Gebrauches von Themenmaterial wusste aber auch die nächste Generation zu nutzen. Diese wird im nächsten Artikel unter die Lupe genommen, wenn es heißt:

"Nicht jede Parodie ist lustig - III. Frühromantik"



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