Sonntag, 26. Februar 2017

"Streichtrio – Von der Wiener Klassik zur Moderne II"



Das Streichquartett wurde in der Wiener Klassik begründet. Durch bahnbrechende Beiträge von Komponisten wie Joseph Haydn (1732-1809) galt es bald als Königin der Kammermusik und wurde maßgebend für folgende Generationen. Das Ensemble von zwei Violinen, einer Viola und einem Cello schien für ein schlankes und zugleich ausgewogenes Klangbild ideal zu sein und gewann Modellcharakter. Doch nicht vom Streichquartett handelt der heutige Artikel, sondern von einer Gattung, die aufgrund der Reduktion um eine Violine an Ausdruck und Balance zu verarmen oder gar zu scheitern droht, dem Streichtrio. 

Kann ein Trio bestehen, wo sich die Form des Quartetts etabliert hat?

Einigen Meistern sind Streichtrios gelungen, welche eben nicht als reduzierte Quartette erscheinen, sondern als vollendete Schöpfungen, die anderen Gattungen auf Augenhöhe begegnen können. Auch wenn die Komposition von Streichtrios selten versucht wurde, entstanden von der Wiener Klassik an  bis in die Wiener Moderne wertvolle Beiträge. Diese fristen bis heute ein Schattendasein neben den Quartetten und bilden meist unbeachtete Gipfelpunkte der Kammermusik. Diese sollen nun durch vier Artikel vorgestellt und dem einen oder anderen näher gebracht werden.
 


Artikel 2 - Beethoven

Der junge Ludwig van Beethoven (1770-1827) hatte es anfangs wahrlich nicht einfach: Als er sich Mitte der 1790er Jahre in Wien als Komponist etablieren wollte, war das gewaltige Lebenswerk Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) bereits abgeschlossen und sein Lehrmeister Joseph Haydn (1732-1809) schuf seine reifsten und vollkommensten Streichquartette sowie Symphonien. Es muss für Beethoven keine leichte Bürde gewesen sein, auf diesem hohen kompositorischen Niveau anzuschließen und gleichzeitig einen eigenen, unverwechselbaren Stil zu kreieren. Aus diesem Grunde vermied er vorerst Komposition in jenen Gattungen, welche Mozart und Haydn bereits mit glänzenden Beiträgen bereichert und popularisiert hatten, um einem direkten Vergleich mit seinen älteren Kollegen zu entgehen. Sein Fokus lag zunächst daher nicht auf Streichquartetten oder Symphonien, sondern auf intimeren Formen wie der Klaviersonate und unkonventionellen Besetzungen wie dem Streichtrio.

Vor allem die Gattung des Streichtrios muss für den jungen Beethoven einen besonderen Reiz gehabt haben, da er gleich fünf frühe Kompositionen auf diesem Gebiet schuf: das Streichtrio op.3, die Serenade op.8 und die Streichtrio-Trias op.9. Während die ersten beiden Werke dieser Gattung noch etwas an „Divertimenti“ vergangener Zeiten erinnern, von denen Mozart wenige Jahre zuvor in Form seines Streichtrios (KV 563, siehe vorherigen Artikel) ein grandioses Werk gelungen ist, betritt Beethoven mit seinen drei Streichtrios op.9 gänzlich Neuland. Diese wurden in den Jahren 1796-98 komponiert und sind ebenso bedeutend wie zukunftsweisend. Das letzte der drei Streichtrios, op.9/3 in c-Moll, ragt hierbei besonders hervor. Es trägt bereits vollends die kompromisslose, revolutionäre Handschrift des späteren Beethovens und stellt nicht nur einen Höhepunktpunkt seines Frühwerks dar, sondern ist den Meisterwerken seiner späteren Jahre ohne Abstriche zur Seite zu stellen.

Der Kopfsatz „Allegro con spirito“ beginnt in dunklem c-Moll mit einem markant absteigenden Viertonmotiv, das in unheimliche neue Dimensionen gleitet. Der düster-dramatische Charakter dieses Motivs wird den ganzen Satz prägen und während der Durchführung als auch der Reprise in bislang unbekannte, dämonische Abgründe vordringen. Es entspinnt sich darauf ein Satz voll von zerfahrenen Melodielinien, getriebenen Dynamiken, herber Kontrapunktik, scharf-peitschenden Dissonanzen und zerklüfteten Themengruppen. Jedes kurze Aufblitzen von versöhnlichen Dur-Anklängen wird unmittelbar durch unerbittliche Moll-Eintrübungen verdunkelt und ins schattenhaft Gespenstische gezerrt. Dieser von manischer Leidenschaft und tiefem Ernst geprägte Satz kann fast als Keimzelle von Beethovens späteren Moll-Werken betrachtet werden und beherrscht alles Stiltypische schon auf souveräne, erhabene Weise.

Der folgende langsame Satz mit der Bezeichnung „Adagio con espressione“ (8:20) klingt wie das versöhnliche Gegenstück zum vorangegangenen. Auch er enthält ein absteigendes Viertonmotiv, das – diesmal in Dur - gleich zu Beginn von elegischer Zartheit vom Cello vorgetragen wird. Darauf entwickelt sich ein verinnerlichter Gesang, der zum Schönsten gehört, das dem Geiste Beethovens je entsprungen ist. Auf wundersame Weise entfalten sich die herrlichen, melodischen Einfälle, denen auch Episoden stürmisch-kontrapunktischen Abgleitens in düstere Moll-Regionen des ersten Satzes nichts anhaben können. Die dynamische Bandbreite auf der Beethoven hier Ausdruck findet, stößt das Tor zur Romantik weit auf und lässt auf die visionäre sowie poetische Ader des Komponisten schließen. Es handelt sich um einen seiner klangschönsten sowie empfindungsreichsten Sätze und man vergisst nur allzu leicht, dass dieses Wunderwerk mit nur drei aufeinander perfekt abgestimmten Streichinstrumenten geschaffen wurde.   

Das folgende Scherzo (15:14) führt zurück in die dunklen, getriebenen Sphären des ersten Satzes und ist von markanter, unruhiger Rhythmik wie jener eines diabolischen Tanzes geprägt. Auch das in Dur stehende Trio-Intermezzo (16:17) schafft nicht den Durchbruch zur Heiterkeit, sondern ist von zarter Melancholie durchdrungen. Das ursprüngliche Scherzo-Thema ergreift kurz darauf erneut das Wort und führt den Satz zu Ende.     

Das  Finale (18:15) beginnt mit einem zerklüfteten Themenmaterial, bevor es sich zu einem erhabenen, tanzartigen Seitenthema in es-Moll (18:46) aufschwingt, wie es nur von Beethoven stammen kann. Doch jene düsteren Moll-Regionen des ersten Satzes werden nicht mehr erreicht. Dieser Satz wirkt als versöhnliche Abrundung dieses facettenreichen Werkes. Dementsprechend geht der Satz auch in hellem, zartem C-Dur zu Ende, was dem denkbar größten Kontrast zu dem dunkel absteigenden c-Moll Beginn des ersten Satzes entspricht. Dieses Prinzip „per aspera ad astra“ („durch die Nacht zum Licht“) soll für Beethoven auch in späteren Meisterwerken wie seiner 5. oder 9. Symphonie eine große Rolle spielen. Doch dies ist im Artikeln "Beethoven und Harnoncourt - Befreiung vom Schicksal" vom Mai 2015 nachzulesen. Wir begnügen uns vorerst damit, dass wir eines der schönsten und gleichzeitig unbekanntesten Werke Beethovens entdecken durften:




Wo Mozart eine ausgewogene, harmonische Vollendung gelungen war, focht Beethoven um neue, eigene Ausdrucksformen. Dieser Kampf war die radikale Suche nach bislang unbeschrittenen Wegen und scheute vor sperrigem Themenmaterial, melodischer Verknappung, erweiterter Dynamik, kühner Kontrapunktik und grellen Dissonanzen nicht zurück. Dieser Kampf voll von innerer Zerrissenheit als auch triumphalen Lösungen läutete eine neue Ära in der Musikgeschichte ein, die Ära Beethovens. Und spätestens in diesem Streichtrio nahm sie ihren Ausgangspunkt und begann ihren einzigartigen Siegeszug rund um die Welt.

 

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