Dienstag, 21. Februar 2017

"Streichtrio – Von der Wiener Klassik zur Moderne I"



Das Streichquartett wurde in der Wiener Klassik begründet. Durch bahnbrechende Beiträge von Komponisten wie Joseph Haydn (1732-1809) galt es bald als Königin der Kammermusik und wurde maßgebend für folgende Generationen. Das Ensemble von zwei Violinen, einer Viola und einem Cello schien für ein schlankes und zugleich ausgewogenes Klangbild ideal zu sein und gewann Modellcharakter. Doch nicht vom Streichquartett handelt der heutige Artikel, sondern von einer Gattung, die aufgrund der Reduktion um eine Violine an Ausdruck und Balance zu verarmen oder gar zu scheitern droht, dem Streichtrio. 

Kann ein Trio bestehen, wo sich die Form des Quartetts etabliert hat?

Einigen Meistern sind Streichtrios gelungen, welche eben nicht als reduzierte Quartette erscheinen, sondern als vollendete Schöpfungen, die anderen Gattungen auf Augenhöhe begegnen können. Auch wenn die Komposition von Streichtrios selten versucht wurde, entstanden von der Wiener Klassik an  bis in die Wiener Moderne wertvolle Beiträge. Diese fristen bis heute ein Schattendasein neben den Quartetten und bilden meist unbeachtete Gipfelpunkte der Kammermusik. Diese sollen nun durch vier Artikel vorgestellt und dem einen oder anderen näher gebracht werden.
 


Artikel 1 - Mozart

Das erste bedeutende Streichtrio komponierte kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) unter der Bezeichnung „Divertimento“ (KV 563). Hinter diesem Titel, der heitere „Unterhaltungsmusik“ nahe legt, verbirgt sich eines seiner feinsten und reifsten Werke. Mozart betrat damit völliges Neuland und sprengte die bisherige Gattungskonvention des Quartetts. Das Resultat war ein singuläres Meisterwerk an Balance und Vollendung, das alle Errungenschaften seines Spätstils aufweist und entfaltet. Es sollte seine einzige abgeschlossene Komposition in dieser Besetzung bleiben.

Mozart widmete sich seinem Streichtrio im Frühherbst 1788 nach Abschluss seiner letzten drei Symphonien. Der Anlass für diese neuartige - sechssätzige - Komposition ist heute ebenso unklar wie jener der Symphonien. Vermutlich handelte es sich hierbei um ein kühnes Experiment, neue Pfade abseits von Haydns und seines eigenen Quartett-Schaffens zu betreten, um damit Aufmerksamkeit zu erregen. Dies würde erklären, weshalb er das Trio im Jahre 1789 auf seine Reise nach Dresden, Leipzig und Berlin als Visitenkarte mitnahm und dieses dort (ebenso wie kurz darauf in Wien) zur Aufführung brachte. 

Die späte Reife und völlige Ausgewogenheit dieses Streichtrios ist bereits in jedem Takt des Kopfsatzes, ein "Allegro", zu spüren. Drei Themen entfalten sich mit wunderbarer Selbstverständlichkeit und kristallener Klarheit. Zu der herrlichen harmonischen Melodieführung stellen sich auch immer wieder polyphone Verdichtungen und kontrapunktische Verarbeitungen ein, die auf Mozarts Studien der Werke Johann Sebastian Bachs (1685-1750) sowie Georg Friedrich Händels (1685-1759) zurückzuführen sind. Es ist ein Satz von erhabener Souveränität, der in seinem ausgewogenen Klangbild keine Sekunde eine zusätzliche Stimme in Form einer weiteren Violine missen lässt. Es handelt sich um eine der reifsten Früchte, die sich in Mozarts Spätwerk finden lässt.

Nicht weniger gewichtig ist das folgende "Adagio" (8:37), ein tiefgründiger Satz mit meditativem Charakter. Das Cello entspinnt einen verinnerlichten Gesang, der von zarter Melancholie durchdrungen ist und von Violine wie Viola dankbar aufgegriffen und weitergeführt wird. Dieses Adagio gehört zu den schönsten und eindrucksvollsten Sätzen in Mozarts Schaffen. Die drei Instrumente verschmelzen förmlich zu breiten Klangflächen, die an Intensität und Ausdruck weit in die Epoche der Romantik vorausweisen und eine vollendete, abgerundete Einheit bilden. 

Die folgenden Sätze bestehen aus zwei volkstümlichen, deftigen "Menuetten" voller Spielfreude, welche einen heiteren Variationssatz "Andante" umschließen. Hier kommt Mozart einem „Divertimento“ am nächsten. Der Variationssatz (24:24) lotet auf vielseitige Weise seine eigene Themensubstanz aus. Ergreifender Höhepunkt ist wohl die 3. Variation in dunklem Moll (29:30). Wie aus dem Nichts entsteht ein gespenstiger Abgrund, der das heitere Stimmungsbild des Themenmaterials plötzlich in nachdenkliches Sinnieren kehrt. Kurz darauf hebt die letzte Variation erneut unbeirrt heiter an, als hätte es eine Moll-Trübung nie gegeben.

Als letzten Satz gestaltet Mozart ein Rondofinale mit kontrapunktischen Zügen (37:47), das wie eine Versöhnung zwischen den reifen, erhabenen Sätzen und den volkstümlichen, spielfreudigen Menuetten wirkt. Dieser Satz enthält vieles, das es zu entdecken gilt: von heiterem Musizieren und markanten, fandangoartigen Rhythmen über lyrisches Abgleiten in ergreifende Moll-Passagen sowie polyphon anmutende Einschübe ist alles dabei. Mozarts Geist erschafft mit nur drei Streichern einen Kosmos,  der sich mit Leichtigkeit in die höchsten Höhen des musikalischen Ausdrucks spielt und dabei stets ein unergründliches Rätsel bleibt.




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