Mittwoch, 30. September 2015

"Schumann - Wenn ich ein Vöglein wär"


Große Literatur ist nichts Abstraktes, nichts Unnahbares. Sie ist für jeden zugänglich, da sie für jeden geschrieben wurde. Große Literatur ist die Kunst, Gefühle - ob schöne oder traurige - , die ein jeder kennt, in Worte zu kleiden und zu transportieren. Dem Leser muss es so vorkommen, als ob ein alter Vertrauter, ein stiller Freund ihm begegnet, den er insgeheim schon viele Jahre kennt. Nur durch diese Nähe kann man beginnen, Literatur zu lieben.

Diese Literatur kann die Form eines Romans, einer Novelle oder eines Versepos haben; manchmal reichen aber auch nur wenige Zeilen eines einzigen Gedichtes aus, um uns gänzlich einzunehmen. Und von einem solchen soll nun die Rede sein.


"Des Knaben Wunderhorn" war ein Kultbuch der Romantik. Es handelt sich dabei um eine dreibändige Sammlung alter deutscher Volkslieder der beiden Dichter Clemens Brentano (1778-1842) und Achim von Arnim (1781-1831), die in den Jahren 1805-1808 veröffentlicht wurde. (Wenn man so will, waren die beiden für die Lyrik das, was etwas später die Gebrüder Grimm für die Volksmärchen waren.) Den ersten Band der Sammlung widmeten Brentano und Arnim keinem Geringeren als dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Viele Gedichte aus "Des Knaben Wunderhorn" sind auch heute noch bekannt. So zum Beispiel das Gedicht "Wenn ich ein Vöglein wär", das auf wunderbarste Weise die Sehnsucht nach dem oder der Geliebten beschreibt und sich jedem liebenden Gemüt unmittelbar erschließt:

Wenn ich ein Vöglein wär
und auch zwei Flüglein hätt,
flög ich zu dir.
Weils aber nicht kann seyn,
bleib ich allhier.

Bin ich gleich weit von dir,
bin ich doch im Schlaf bei dir
und red mit dir;
wenn ich erwachen thu,
bin ich allein.

Es vergeht keine Stund in der Nacht,
da mein Herze nicht erwacht
und an dich gedenkt,
daß du mir viel tausendmal,
dein Herz geschenkt.

Auch Goethe war sehr angetan von dem Gedicht und er bezeichnete es als "einzig schön und wahr".

Ähnlich erging es wohl auch Robert Schumann (1813-1856), der im Jahre 1840 endlich seine geliebte Clara Wieck (1819-1896) heiraten durfte. In diesem Jahr komponierte er hochinspiriert eine endlos scheinende Flut an wunderbaren Liedern. Eines davon war das Gedicht "Wenn ich ein Vöglein wär", dem er ebenso empfindsam wie sehnsuchtsvoll würdige Töne schenkte und es damit endgültig unsterblich machte:




(für Milica)

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