Dienstag, 8. September 2015

"Friedrich Schiller - Die Ideale und die Wirklichkeit"



Friedrich Schiller (1759-1805) war einer der bedeutendsten Dichter deutscher Zunge. Dank seines genialen Gespürs für Dramaturgie und seiner intensiven Beschäftigung mit Geschichte sowie Philosophie gelangen ihm die wohl zeitlosesten und weitsichtigsten Bühnenwerke seit William Shakespeare (1564-1616).  

Schiller war ein politischer Mensch und scheute nicht, politische Ideen seiner Zeit in sein Werk einfließen zu lassen und auf eine harte Probe zu stellen. So nahm er beispielsweise in seinem Meisterwerk "Don Karlos" (1787 uraufgeführt) die Ideale und Motive der Französischen Revolution (1789-1799) kühn vorweg und zeigte zugleich, dass diese bei Begegnung mit der Wirklichkeit zunächst scheitern mussten. 
 
Doch nicht nur in seinen Dramen gelangen Schiller große Würfe, auch im lyrischen Fach war er nicht gänzlich unbegabt. Auch hier schrieb Schiller oft kritisch über Ideale und ihre Vergänglichkeit. Besonders hervorzuheben ist hier das Gedicht "Die Ideale" aus dem Jahre 1795, welches ein wunderbares Zeugnis von Schillers Sprachmelodie und Wortgewalt ablegt. Dies sollte auch in der Musik seine Spuren hinterlassen ...


Doch beginnen wir zunächst mit dem Gedicht an sich. Bereits beim Eingang des Gedichtes beklagt Schiller den Verlust der Ideale an die "rauhe Wirklichkeit" auf etwas abstrakte Weise. Was konkret geschehen ist, bleibt im Verborgenen, ist aber für den weiteren Verlauf des Gedichtes nicht relevant. So entsteht genug Deutungsfreiraum, dass jeder das Empfinden seiner eigenen Seele dieser Poesie zugrunde legen kann.

Der Beginn vom Gedicht "Die Ideale" lautet:

So willst du treulos von mir scheiden 
Mit deinen holden Phantasien, 
Mit deinen Schmerzen, deinen Freuden, 
Mit allen unerbittlich fliehn? 
Kann nichts dich, Fliehende, verweilen, 
O! meines Lebens goldne Zeit? 
Vergebens, deine Wellen eilen 
Hinab ins Meer der Ewigkeit. 

Erloschen sind die heitern Sonnen, 
Die meiner Jugend Pfad erhellt, 
Die Ideale sind zerronnen, 
Die einst das trunkne Herz geschwellt, 
Er ist dahin, der süße Glaube 
An Wesen, die mein Traum gebar, 
Der rauhen Wirklichkeit zum Raube, 
Was einst so schön, so göttlich war.

Nun gibt es im Gedicht einen Bruch. - Schiller versucht in den folgenden Strophen zu beschreiben, was in der Vergangenheit "so schön, so göttlich war" und wie er dies erlangt hatte: Er habe dies in seiner Jugend durch die Natur bekommen, die er zu umschlingen versuchte, um Inspiration zu erfahren. Nicht umsonst hat Schiller die Natur in einem Brief aus dem Jahre 1789 mal als "Spiegel, der uns mit unserem eigenen Bilde überrascht" bezeichnet. Um dies zu verdeutlichen, scheut Schiller nicht, sich mit Pygmalion zu vergleichen, der laut griechischer Mythologie als Bildhauer eine Frauenfigur aus Stein schuf, in die er sich unsterblich verliebte. Diese verehrte und begehrte er so sehr, dass die Göttin der Liebe sich erbarmte und den Stein lebendig machte, damit Pygmalion mit ihm (oder ihr?) ein Kind zeugen konnte. 

Schiller greift diese Sage auf und projiziert sie auf sich und die Natur:

Wie einst mit flehendem Verlangen
Pygmalion den Stein umschloß,
Bis in des Marmors kalte Wangen
Empfindung glühend sich ergoß,
So schlang ich mich mit Liebesarmen
Um die Natur, mit Jugendlust,
Bis sie zu atmen, zu erwarmen
Begann an meiner Dichterbrust,

Und, teilend meine Flammentriebe,
Die Stumme eine Sprache fand,
Mir wiedergab den Kuß der Liebe
Und meines Herzens Klang verstand;
Da lebte mir der Baum, die Rose,
Mir sang der Quellen Silberfall,
Es fühlte selbst das Seelenlose
Von meines Lebens Widerhall.

In den folgenden Strophen beschreibt Schiller die Begeisterung und den Übermut des Jugendlichen, dem in seinem Höhenflug alles zu gelingen scheint. Doch bereits am Ende der nächsten Strophe erahnen wir, dass dieser Zustand der Glückseligkeit nicht ewig andauern wird. Es wird angedeutet, dass die Ideale der Wirklichkeit nicht standhalten können, da sich nur wenig davon tatsächlich entfaltet und "dies wenige, wie klein und karg"

Es dehnte mit allmächtgem Streben
Die enge Brust ein kreisend All,
Herauszutreten in das Leben
In Tat und Wort, in Bild und Schall.
Wie groß war diese Welt gestaltet,
Solang die Knospe sie noch barg,
Wie wenig, ach! hat sich entfaltet,
Dies wenige, wie klein und karg!

Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,
Beglückt in seines Traumes Wahn,
Von keiner Sorge noch gezügelt,
Der Jüngling in des Lebens Bahn.
Bis an des Äthers bleichste Sterne
Erhob ihn der Entwürfe Flug,
Nichts war so hoch und nichts so ferne,
Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.

Wie leicht ward er dahingetragen,
Was war dem Glücklichen zu schwer!
Wie tanzte vor des Lebens Wagen
Die luftige Begleitung her!
Die Liebe mit dem süßen Lohne,
Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
Die Wahrheit in der Sonne Glanz!

"Die Wahrheit in der Sonne Glanz" entpuppt sich im Lichte der Wirklichkeit (oder im Zuge des Älterwerdens) anders als es sich der Jüngling in seinen Idealen vorgestellt hat. Die Ernüchterung folgt in den nächsten Strophen, da die Begleiter schwinden. Der jugendliche Übermut kippt in tiefe Resignation um:

Doch, ach! schon auf des Weges Mitte
Verloren die Begleiter sich,
Sie wandten treulos ihre Schritte,
Und einer nach dem andern wich.
Leichtfüßig war das Glück entflogen,
Des Wissens Durst blieb ungestillt,
Des Zweifels finstre Wetter zogen
Sich um der Wahrheit Sonnenbild.

Ich sah des Ruhmes heilge Kränze
Auf der gemeinen Stirn entweiht.
Ach, allzuschnell nach kurzem Lenze,
Entfloh die schöne Liebeszeit.
Und immer stiller wards und immer
Verlaßner auf dem rauhen Steg,
Kaum warf noch einen bleichen Schimmer
Die Hoffnung auf den finstern Weg.

Von all dem rauschenden Geleite,
Wer harrte liebend bei mir aus?
Wer steht mir tröstend noch zur Seite
Und folgt mir bis zum finstern Haus?


Nach zwei hoffnungslosen Strophen voll Verlorenheit stellt Schiller in der ersten Hälfte einer weiteren Strophe Fragen, die sein Leid nur stärker zu unterstreichen scheinen. ("Wer harrt liebend bei mir aus?") Umso verblüffender ist es, dass Schiller in der zweiten Hälfte jener Strophe (und in der folgenden letzten) Antworten findet. Es handelt sich um die Freundschaft, die bei ihm verharrt und ihn tröstet. Für Schiller ist die Freundschaft sowohl persönlich als auch poetisch die bedeutsamste Form zwischenmenschlicher Beziehung.

In diesem versöhnlichen Sinne endet Schillers Gedicht:

Du, die du alle Wunden heilest,
Der Freundschaft leise, zarte Hand,
Des Lebens Bürden liebend teilest,
Du, die ich frühe sucht' und fand,

Und du, die gern sich mit ihr gattet,
Wie sie der Seele Sturm beschwört,
Beschäftigung, die nie ermattet,
Die langsam schafft, doch nie zerstört,
Die zu dem Bau der Ewigkeiten
Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
Doch von der großen Schuld der Zeiten
Minuten, Tage, Jahre streicht.


Auf den Vorwurf, dass es sich hierbei um ein schwaches Ende handele, entgegnete Schiller in einem Brief 1795, dass dieses dem "gewöhnlichen Schicksal idealischer Erwartungen" entspreche.

So sieht es aus, wenn die Ideale auf die Wirklichkeit treffen. 

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Franz Liszt (1811-1886) inspirierte dieses Gedicht derart, sodass er im Jahre 1857 eine symphonische Dichtung schuf, welcher Schillers Werk zu Grunde lag. In der Komposition können ohne größere Probleme die verschiedenen Abschnitte des Gedichtes und die unterschiedlichen Stimmungslagen nachvollzogen werden. Bereits die lastend-düstere langsame Einleitung weist auf die Eingangsklage ("So willst du treulos von mir scheiden") hin. Im weiteren Verlauf schwingt sich die Musik immer lebhafter bis hin zum glorreichen "Ideal"-Thema (ab Minute 4:14 in der Hörprobe) auf.

Ein tondichterisches Denkmal wurde Schiller geschaffen. Seine Wortgewalt wurde ohne Worte in Musik gefasst.

Und so klingt es, wenn die Ideale auf die Wirklichkeit treffen:








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