Sonntag, 21. September 2014

"Venedig - Unsterblicher Klang der Vergänglichkeit"


"Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,
was manchesmal uns zu bemühn geruht:
die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer
von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,

sich bildet ohne irgendwann zu sein."

(aus Rilkes "Venezianischer Morgen")


Venedig - die Stadt, "die immer wieder sich bildet ohne irgendwann zu sein" - hat ein Schicksal wie eine Flamme, die angesichts ihrer eigenen Vergänglichkeit in ihrer Todesstunde noch einmal zu hellstem Glanze erstarkt, bevor sie für immer erlöschen muss. Venedigs Todesstunde dauerte jedoch Jahrhunderte an, in denen der Verlust an politischer Macht durch kulturelles Erblühen kompensiert wurde. Dieses Aufblühen der Kultur ist der stumme Zeuge und das stille Dokument des eigenen glorreichen Niedergangs. Der regelmäßige Besuch von Seuchen, wobei der Tod stets reiche Ernte hielt, tat das seine, dem Dokument morbide, jenseitige Züge zu verleihen. So war in Venedig ein Lächeln nur unter Tränen glaubhaft und Genuss nur im Beisein der Vergänglichkeit denkbar. - Wer Venedigs Schönheit betrachtete, war im Grunde dem Tode schon anheimgegeben.



Heute ist Venedig eine Leiche, die nur noch vom Glanze vergangener Zeiten lebt. Die Seele ist dem toten Körper längst entwichen. Das Lied von einst ist längst verklungen. Und die Poesie hat sich in den engen Wassergassen verloren. - Doch genau darin liegt die einzigartige Faszination Venedigs: Sinn und Seele hat es womöglich nie gegeben! Sie mussten stets erst von jedem selbst für sich gefunden werden. Und genau daraus resultiert das fatalistische Schicksal, von dem so viele Poeten und Kunstästheten zehren: Entweder man findet Sinn und Seele in Venedig für sich selbst und geht gestärkt erhobenen Hauptes aus dieser Pracht der Vergänglichkeit, oder man geht daran zugrunde und wird Teil der Mystik, welche Venedig innewohnt.

Wo Sinn und Seele zu finden sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Goethe und Dickens fanden diese in den Werken der venezianischen Malergroßmeister Tizian und Tintoretto, Hemmingway wurde in einem Glas (oder mehreren Gläsern) in Harry's Bar fündig und manchem Feingeist gelingt dies in der venezianischen Musik, dem unsterblichen Klang der Vergänglichkeit. 

Und über diese soll der Artikel handeln!

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Venedigs Niedergang begann in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts: Neue Seewege nach Amerika und über Afrika wurden von anderen Ländern entdeckt und so schwand Venedigs Handelsvormacht, welche lediglich auf das Mittelmeer beschränkt war, schnell. Doch auch im Mittelmeer beschnitt das Erstarken des Osmanischen Reiches Venedigs Handelskraft und dessen Geldflüsse auf empfindliche Weise. Des Weiteren hielten Pest und Cholera regelmäßig verheerende Episoden mit unzähligen Opfern und auch am italienischen Festland war Venedig ständig in finanziell aufreibende Kriege involviert. 

Der machtpolitische Stern Venedigs begann zu sinken. Ein anderer erhob sich hinan zum Firmament: die venezianische Musik! Einer der ganz frühen Meister war Joan Ambrosio Dalza (gelebt um 1508), von dessen Leben so gut wie nichts bekannt ist. Es sind lediglich die ersten niedergeschriebenen Kompositionen für venezianische Laute von seiner Hand erhalten. Eine dieser frühesten Kompositionen ist das folgende Stück, dessen liebliche Poesie nichts von den damals schweren Zeiten Venedigs erahnen lässt. Und möglicherweise ist es genau das, was die Stärke von Musik ausmacht:




Ein weiterer venezianischer Meister jenes Jahrhunderts war Giovanni Gabrieli (1557-1612). Er war Komponist und Hauptorganist im Markusdom (Basilica di San Marco). Um dieses würdevolle Amt bekleiden zu können, musste auch entsprechende Musik komponiert werden. Es galt, dem Glanz des Domes gerecht zu werden. Dies gelang Gabrieli auch mit wunderbaren Blechbläser-Ensembles, die in verschiedenen Gruppen auf den unterschiedlichen Balkonen des Markusdomes positioniert wurden, um eine entsprechende Tiefenwirkung der Musik zu erhalten. Das Ergebnis ist atemberaubend zeitlose Musik:




Gabrielis Meisterwerk ist in dieser Hinsicht wohl sein "Dulcis Jesu", das kurz vor seinem Tode 1612 komponiert wurde und den Blechbläsern sowohl Streicher als auch einen Chor hinzufügt. Dieses transzendentale, jenseitige Werk gehört nicht nur zu den beeindruckensten Renaissance-Werken, die je komponiert wurden; es ist eines der imposantesten Zeugnisse abendländischer Kunst im Allgemeinen:




Zeitgenosse Gabrielis und bedeutender Kapellmeister am Markusdom war kein Geringerer als Claudio Monteverdi (1567-1643). Monteverdi gelang es, eine neue Tonsprache zu entwickeln, welche die Musik der Renaissance langsam in den Barock überführte. Darüber hinaus begründete er das neue Genre der Oper fast im Alleingang und etablierte damit neben seiner geistlichen auch weltliche Musik, die bis heute zeitlose Schönheit ausstrahlt. 

Sein bekanntestes geistliches Werk ist wohl die Marienvesper (Vespro della beata vergine). Das "Nisi Dominus" daraus ist von erfrischender Klarheit und kühner Harmonik:




Als bedeutendes weltliches Werk sei Monteverdis womöglich schönste Arie aus seiner Oper "Die Krönung der Poppea" ("L’incoronazione di Poppea") angeführt. Sie heißt "Pur ti miro" und ist eine der wundervollsten Liebeserklärungen der Musikgeschichte:




Mit Monteverdi kam der Barock! 

Im Barock - Venedigs Niedergang war nicht aufzuhalten - schwanden Venedigs politische Macht und realer Einfluss in die Bedeutungslosigkeit. Dekadenz und Lebensüberdruss kamen auf. Der ebenso morbide wie überschwängliche Barock schlug auch in Venedig voll zu. Doch alles, was dem Verfall geweiht war, erhielt eine würdige Begleitmusik: Antonio Vivaldi (1678-1741). Noch nie wurde ein untergehendes Reich mit so wunderbarer Musik untermalt:




Es sind die melancholischen Momente, die Vivaldis Musik wahre Größe und dem sterbenden Venedig letzte Würde verleihen:




Auch in Vivaldis bekanntestem Werk "Die vier Jahreszeiten"  ("Le quattro stagioni") ist der Melodienreichtum und die Spielfreude nur eine oberflächliche Maske. Das wahre Gesicht scheint immer wieder in bestimmten Momenten durch und verleiht dem Werk die Tiefe, die es verdient. Als Beispiel sei das dritte Konzert des Zyklus "L'Autunno" ("Herbst") angeführt, wo zwischen brillanten Melodien einsame, fast resignierende Momente durchscheinen. Dies ist zum Beispiel im gesamten 2. Satz ab Minute 4:56 zu hören, wo selbst die Solovioline schweigt und hinter einen melancholischen Klangteppich zurücktritt. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint dieses Konzert als Metapher für Vergänglichkeit - jene Vergänglichkeit, die Venedig seit Jahrhunderten atmet:




1797 vollzog Napoleon Bonaparte (1769-1821) das Unvermeidbare, was schon seit Jahrhunderten absehbar war: Er eroberte Venedig (das erste Mal in seiner tausendjährigen Geschichte), setzte das Oberhaupt Venedigs, den Dogen, ab und löste die Adelsrepublik endgültig auf. Venedig war nun auch offiziell Vergangenheit. Was blieb, waren die Fassaden der Gebäude, die stummen Zeugen des untergegangenen Reiches. Von nun an war Venedig, der einstige Hauptdarsteller auf der Bühne der europäischen Geschichte, selbst zur Kulisse erstarrt: Eine leblose Stadt, in der sich nur noch die schwarzen Gondeln wie schwimmende Särge bewegen, als könnten sie ihre Trauer nicht verbergen.

Vielleicht war auch das der Grund, weshalb Gondeln seitdem immer mit Trauer und Tod assoziiert werden. Dies schlug sich auch in der Musik von Komponisten nieder, welche sich von Venedig inspirieren ließen. Ein Beispiel dafür ist das Klavierstück "Venetianisches Gondellied" von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847). Es handelt sich um einen elegischen Trauergesang und eines seiner gelungesten "Lieder ohne Worte":




"Der Tod in Venedig" ist nicht erst ein geflügeltes Wort seit der großartigen Novelle von Thomas Mann (1875-1955) aus dem Jahre 1912 geworden. Bereits Richard Wagner (1813-1883) praktizierte diese Kombination als er 1883 in seinem geliebten Venedig an einem Herzinfarkt starb. Sein Schwiegervater, der Komponist Franz Liszt (1811-1886), besuchte Wagner in Venedig kurz vor dessen Tode und begann eine Komposition, die er in memoriam Wagners vollendete und "Trauergondel" ("La Lugubre Gondola") nannte:




Das ist schwere Kost, die so manche Gondel unter ihrer eigenen Last fast zum Sinken bringt!

Doch abseits von Komponisten wussten auch Poeten von der Vergänglichkeit Venedigs und was es bedeutete, "wenn die Gondeln Trauer tragen".

Einer von ihnen war Rainer Maria Rilke (1875-1926):

 Venedig
Fremdes Rufen. Und wir wählen
Eine Gondel, schwarz und schlank:
Leises Gleiten an den Pfählen
Einer Marmorstadt entlang.
Still. Die Schiffer nur erzählen
Sich. Die Ruder rauschen sacht,
Und aus Kirchen und Kanälen
Winkt uns eine fremde Nacht.

Und der schwarze Pfad wird leiser,
Fernes Ave weht die Luft, –
Traun: Ich bin ein toter Kaiser
Und sie lenken mich zur Gruft.


Venedig mag eine Stadt sein, "die sich immer wieder bildet ohne irgendwann zu sein". Sie bildet sich stets neu im Geiste des Betrachters, dessen Inspiration sie immer aufs Neue zu beflügeln vermag. Und auch wenn sie nie zum Sein findet, gewinnt sie doch manchmal Gestalt in Form eines Kunstwerkes - sei es ein Gemälde, Gedicht oder Musikstück. Und genau das ist es, wodurch sich Venedig immer selbst neu erfinden kann und auf diese Weise ewig jung bleibt. Vielleicht ist auch das der Grund, warum Venedig in uns nie wirklich gestorben ist ...




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