Sonntag, 6. April 2014

"Die Mondscheinsonate - Melodie der Unsterblichkeit"


Es gibt Musikstücke, welche einen geheimen Zauber in sich bergen, der kaum zu ergründen ist und unsterblich scheint. Wie hypnotisch wird man in deren Bann gezogen, von dem man sich (wenn überhaupt) erst nach Verklingen der Musik wieder befreien kann. Eines dieser Werke, welches ebenso bewundert wie fehlgedeutet wird, ist die "Mondscheinsonate" von Ludwig van Beethoven (1770-1827).


Wie viele Generationen von Musikliebhabern hat der erste Satz dieser Sonate Nr. 14, op.27/2 in cis-Moll bereits ans Klavier geführt oder überhaupt erst veranlasst, Klavier zu erlernen. Kaum ein Werk hat derart stimulierend auf die Fantasie der Hörer gewirkt. Kaum ein Werk hat sich den Schleier der Romantik derart zu eigen gemacht, noch dazu zu einer Zeit, als die musikalische Epoche der Romantik noch gar nicht angebrochen war.

Und auch heute kann man sich der Klangpoesie der magischen Melodie sowie den unendlichen Triolen des Stückes kaum entziehen:




Doch was hat es mit dem Begriff "Mondscheinsonate" auf sich?

Ich hoffe, ich zerstöre nun keine romantischen Träume, wenn ich mitteile, dass sich dieser Name erst nach Beethovens Tod etabliert hat. Der Komponist war also an der Betitelung nicht beteiligt. (Das ist aber kein unbekanntes Phänomen: Mozarts "Jupitersymphonie", Chopins "Regentropfen-Prélude" oder Bruckners "Pausensymphonie" können ein Lied davon singen.) 

Namensgeber war der Dichter Ludwig Rellstab (1799-1860), der sich beim Hören dieses Satzes anscheinend an den Mondschein erinnert gefühlt hatte. Fortgeschrittenen Klassikfreunden wird Rellstab bestimmt ein Begriff sein, da er neben Heinrich Heine (1797-1856) die Textvorlage für Franz Schuberts (1797-1828) letzten Liederzyklus lieferte. Da Schubert kurz darauf verstarb und dieser Zyklus posthum veröffentlicht wurde, erhielt dieser den romantisch-verbrämten Beinamen "Schwanengesang". (Es handelt sich also hier um ein weiteres Beispiel von Fremdbetitelung.)

Doch zurück zur "Mondscheinsonate" ...

Der Mond hat Beethoven also nicht zu dieser Komposition beflügelt. Inspiriert wurde Beethoven wohl weniger von Natureindrücken als vielmehr von einer anderen Komposition. Es handelte sich hierbei um keine geringere als die Oper "Don Giovanni" von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Diese soll beim Entstehungsprozess von der Mondscheinsonate die entscheidende Rolle gespielt haben. Beethoven, der bei einer Studienreise nach Wien 1786/87 möglicherweise Mozart beim Entstehungsprozess dieser Oper persönlich kennenlernen durfte, war sehr angetan von diesem Meisterwerk. Besonders die Sterbeszene des Komturs, der von Don Giovanni im Duell erstochen wird, muss Beethoven tief bewegt haben, denn bereits hier erklingen vom Orchester jene Triolen, die Beethovens Sonate ausmachen.

Aber es höre jeder selbst diese Szene. Das Duell beginnt bei Minute 3:36 und in Minute 3:56 der Hörprobe wird der Komtur tödlich verletzt. Sein Tod wird von den unsterblichen Triolen des Orchesters begleitet, bis er leblos zu Boden sinkt:




Wurden die Parallelen zu Beethoven erkannt? Bereits Mozart kannte die magischen Kräfte solcher Triolen!

Doch Mozart entdeckte diese keineswegs erst bei der Komposition des "Don Giovanni". Mozart nutzte deren Kraft bereits in seinem ersten großen Opern-Meisterwerk "Idomeneo". In der epochalen Chor-Szene "O voto tremendo" beklagt ein ganzes Volk den nahenden Tod ihres geliebten Prinzen, der an die Götter geopfert werden muss. Diese Trauerklage wird wieder von tiefen Triolen getragen:





Das ist wahrhaft große Musik ...

Dieser Kontext bringt die Melodie Beethovens in Verbindung mit dem Tod, der weit über den Begriff "Mondschein" hinausgeht. Man fühlt sich nun fast an die beklemmende Not von Goethes Faust erinnert, als er sagte:

"O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letzenmal auf meine Pein ..."

Doch wie auch immer man zum Begriff "Mondschein" steht. Die Musik ist jeder Diskussion darüber erhaben. Keine noch so verunglückte Bezeichnung kann der Unsterblichkeit solcher Melodien Abbruch tun. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Musik groß zu werden beginnt: Bei der leisen Ahnung, dass man ihr mit Worten nicht mehr gerecht werden kann ...



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