Montag, 29. Oktober 2018

"Granada - Der Klang Andalusiens"


Nur wenige Städte stellen ihre facettenreiche, wechselvolle Geschichte so offen und erhaben zur Schau wie Granada. Die Altstadt zeugt vom Niederschlag verschiedenster Kulturen und Religionen abseits aller konfessionellen Scheuklappen und erstrahlt gerade durch dieses Wechselspiel. So entstanden über die Jahrhunderte hinweg nicht nur koexistierende Kunstepochen arabischer und christlicher Prägung sondern im viel weitgreifenderen Sinne eine Verschmelzung dieser zu einem synkretischen Meisterwerk, das Gegensätze zu einem übergeordneten Ganzen zu versöhnen wusste und aus Vielfalt Harmonie gewann. 

Diese einzigartige Verbindung von Okzident und Orient veranlasste so manchen großen Komponisten zur tönenden Würdigung Granadas. Und gerade diese Musikwerke iberischer Meister sind es, welche der Stadt bei all ihrem Reichtum eine weitere Dimension an Tiefe bis zu dem heutigen Tage hin verleihen, einen Klang. 




Granada war in seiner weitreichenden Geschichte der Herrschaft der Phönizier, Römer, Vandalen sowie Westgoten ausgesetzt, bis die Mauren 711 Granada eroberten und so eine fast achthundertjährige islamisch-arabische Regentschaft einleiteten. Erst im Jahre 1492 wurde Granada von den Reyes Católicos, den katholischen Königen, Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón im Zuge der Reconquista zurückerobert, wodurch die maurische Herrschaft auf der iberischen Halbinsel endgültig beendet wurde. Diese zwei Haupteinflusssphären in der Geschichte Granadas, das arabische Mittelalter und die katholische Renaissance, wirkten stilbildend auf die Stadt und prägen ihre Atmosphäre bis heute nachhaltig.

Dies schlug sich freilich auch in der spanischen Musik nieder, welche ab dem Ende des 19. Jahrhunderts Granada als epochenübergreifendes Faszinosum erkannte und sich von dieser gedeihlichen Kulturvielfalt inspirieren ließ. Entsprechend verband der iberische Komponist und Gitarrist Francisco Tárrega (1852-1906), wenn er an Andalusien dachte, die Klänge seiner spanischen Gitarre mit einer unverwechselbaren arabischen Färbung. So wird durch seine Musik auf eindringliche Weise der vielseitige Geist der Geschichte Andalusiens heraufbeschworen, der gerade auch für Granada Gültigkeit besitzt. Mit besonders starker Intesität gelang dies Tárrega in seinem „Capricho árabe“, das ganze Jahrhunderte in wenige Minuten Musik zu gießen vermag:




Ähnlich intensiv, mit tiefromantischem Bekenntnis gelang dem spanischen Komponisten und Pianisten Isaac Albéniz (1860-1909), der für kurze Zeit auch Schüler von Franz Liszt (1811-1886) war, eine Würdigung Granadas in seiner berühmten "Suite española" aus dem Jahre 1886. Es ist eine schwärmerische Fantasie für Klavier, eine stille Liebeserklärung an Granada in Form einer zarten Serenade, vor deren Zauber sich kaum jemand erwehren kann:




Markanter und rhythmisch exotischer gelang Albéniz eine Komposition, die er dem wohl berühmtesten Bauwerk in Granada widmete, der Alhambra. Es handelt sich hierbei um eine Palastanlage vorwiegend maurischen Ursprungs aus dem 13. und 14. Jahrhundert, die nach der christlichen Rückeroberung im Auftrag des Enkels von Isabella I. und Ferdinand II., dem berühmten Kaiser Karl V., um eindrucksvolle Renaissanceelemente erweitert wurde. Der prachtvollen Erscheinung dieser Palastanlage, die auch als Titelbild diesen Artikel ziert, verleitete Albéniz zu seiner ebenso prächtigen Komposition „En la Alhambra“:




Doch nicht nur Albéniz wurde von der Alhambra inspiriert. Sein Komponistenkollege Tomás Bretón (1850-1923) ließ sich 1888 sogar zu einer ganzen symphonischen Dichtung für volles Orchester hinreißen, die ebenso den arabischen Hintergrund des Bauwerks mit spätromantischer Ausdruckskraft heraufzubeschwören sucht, um an dessen Ursprünge zu gedenken:




Doch nicht nur die Alhambra inspirierte zu symphonischen Dichtungen. Auch der benachbarte Sommerpalast des Kalifen Generalife (auf der linken Seite im Titelbild zu sehen) mitsamt seinen wunderschönen Gartenanlagen verlieh Komponisten die Kraft zu musikalischen Höhenflügen. So widmete der andalusische Tonkünstler Manuel de Falla (1876-1946) den ersten Satz seines Meisterwerkes "Noches en los jardines de España" ("Nächte in spanischen Gärten") aus den Jahren 1909-1916 ganz und gar jenen von Generalife. Falla gestaltet hier eine nuancenreiche Nocturne für Klavier und Orchester, welche volkstümliche andalusische Melodien mit impressionistischer Strahlkraft miteinander verwebt. Es entspinnt sich ein Klangzauber, welcher die maurischen Gärten vor geistigem Auge im Mondesglanz auferstehen lässt:




Die vielleicht bedeutendste Hommage an Granada befindet sich wohl in Isaac Albénizs spätem Meisterwerk aus den Jahren 1905-09, dem Klavierzyklus „Iberia“, in welchem für vorwiegend andalusische Gegenden Tongemälde entworfen wurden, wo die Sprache der Spätromantik, des Impressionismus und der Folklore mitsamt ihren arabischen Anklängen zu einer ausdrucksstarken Einheit verschmolzen sind. Dieser Zyklus gehört nicht nur zu Albénizs schöpferischem Zenit, sondern gar zu der bedeutendsten Klavierliteratur des beginnenden 20. Jahrhunderts allgemein. Hier reichen sich Tradition und zukunftsweisende Moderne die Hand und führen musikalisch aus, was in Andalusien über Jahrhunderte hinweg gelebt wurde. Das auf Granada gemünzte Werk trägt den Titel „El Albaicín“. Dabei handelt es sich um das älteste Stadtviertel Granadas, welches sich auf dem Hügel nördlich der Alhambra erstreckt. Dieser Teil der Stadt, in welchem sich das maurische Wohngebiet befand, ist bis heute stark von Architektur aus der arabisch-islamischen Zeit mitsamt pittoresk-verschlungener Gassen geprägt. Albéniz verstand es meisterhaft die Exotik und orientalische Eigentümlichkeit musikalisch darzustellen und scheut auch vor großen, ausdruckstarken Gesten nicht zurück, welche wohl den erhabenen Ausblick von den höheren Regionen des Albaicín auf die mächtige Alhambra mit ihrem Generalife symbolisieren sollen (wie im Titelbild des Artikels zu bewundern ist):





Granada wird in diesem Artikel durch Tonmalerei auf neue Weise heraufbeschworen, welche abseits der Kraft der Bilder ein Monument der Stadt zu errichten strebt. Dieses Klang-Monument lebt in jenen, die dafür empfänglich sind, als tiefes Empfinden unabhängig der räumlichen Distanz zu Granada weiter. Und mit etwas Glück erlangt dieses Monument seinen steten Platz in uns als Lebensgefühl – vielleicht nicht unähnlich dem Hauptturme im Myrtenhof der Alhambra, welcher seinen festen Platz im Widerschein der Wasseroberfläche gefunden hat und dort auch weiterbestehen wird.








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