Sonntag, 10. Dezember 2017

"Purcell - Fantasie der Liebenden"


Wenn Inspiration die Fantasie beflügelt, ist der Drang zu schaffen groß. Dies findet oft Niederschlag in Werken, die wiederum andere inspirieren. Empfänglich sind hierbei vor allem Liebende, deren Sehnen ohnehin zu den höchsten Höhen strebt, indem es die Fantasie zu verwirklichen sucht. Ein Meister an Inspiration, der Liebe in allen ihren Facetten musikalisch auszudrücken wusste, war der englische Komponist Henry Purcell (1659-1695), der uns nicht zuletzt deshalb noch heute ungemindert tief zu berühren vermag.  


Eine solche Arie, die auch heute noch Fantasien zu beflügeln weiß, findet sich in Henry Purcells Semi-Oper "The Fairy-Queen" aus dem Jahre 1692. Bei dieser Opern-Gattung handelt es sich um eine spezielle Form der englischen Barockoper, in der gesprochene, gesungene, getanzte und instrumental gestaltete Szenen miteinander verknüpft sind. Purcell war ein Meister dieser Gattung und feierte überragende Erfolge auf diesem Gebiet. Die Handlung der Oper basiert lose auf der Komödie "A Midsummer Night's Dream" ("Ein Sommernachtstraum") von William Shakespeare (1564-1616), wurde allerdings von einem unbekannten Autoren operngerecht textlich neu gestaltet. Der Fokus der Oper wurde hierbei auf die Feenkönigin Titania und ihren Gemahl Oberon gelegt, da die Oper zu Ehren des 15. Hochzeitsjubiläums von Queen Mary II. (1662-1694) und William III. (1650-1702) uraufgeführt wurde.  

Bei jener Arie handelt es sich um "One charming night" aus dem zweiten Akt der Oper. Diese besitzt nicht nur einen vielvesprechenden Titel, sondern legt es auch textlich explizit darauf an, unsere Fantasie zu beflügeln und auf das Äußerste zu treiben, sodass wir uns in der süßen Lage wiederfinden, das Angedeutete auszumalen:

"One charming night gives more delight, 
than a hundred lucky days. 
Night and I improve the taste, 
make the pleasure longer last, 
a thousand, thousand several ways."

"Nur eine bezaubernde Nacht bringt größere Lust 
als hunderte glückliche Tage.
Die Nacht und ich verfeinern den Genuss,
lassen die Freude länger währen
auf abertausend verschiedene Weisen."

Henry Purcell tat das Seine und setzte diese delikaten Zeilen in ebenso sehnsuchtsvolle wie sinnliche Musik, ohne die Fantasie dabei einzuschränken:




Es ist nun mal eine Tatsache, dass Sinnlichkeit und sehnsuchtsvolle Fantasien nicht allein Thema des englischen Barocks waren. Und so kam es, dass diese Arie nicht nur Hörer, sondern auch Musiker jüngerer Zeiten inspirierte und zu neuen Interpretationen beflügelte. So erging es wohl dem Ensemble L'Arpeggiata unter der Leitung von Christina Pluhar (*1965), welches sich im Jahre 2014 an eine erfrischend unorthodoxe Einspielung heranwagte. Es handelt sich hierbei um eine Improvisation in Form einer musikalischen Fantasie, welche stilistisch wie harmonisch zwischen den Jahrhunderten wechselt und dabei die Aktualität von Purcells Musik unterstreicht, ohne sie zu verfälschen. Diese Interpretation zeigt, dass ein Meisterwerk, welches sich der Sinnlichkeit widmet, auch über Jahrhunderte hinweg nichts an seiner Strahlkraft und Intensität verliert: 




Da der Text der Arie von einem unbekannten Autor stammt und kein Originalzitat aus dem Sommernatstraum ist, wäre es abschließend aufschlussreich, zu erfahren, was Shakespeare selbst zum Thema "Fantasie" zu sagen hatte:

"And as imagination bodies forth
The forms of things unknown, the poet’s pen
Turns them to shapes and gives to airy nothing
A local habitation and a name."

Shakespeare, "A Midsummer night's dream", Act V, Scene I

"Und wie die Fantasie Ideen ausgebiert
Von unbekannten Dingen, bannt der Stift
des Dichters sie in Formen ein und gibt
Luftigem Nichts in Worten ein Zuhause."

Übersetzung: Frank Günther


Was für den Poeten ein Gedicht, für den Komponisten ein Musikstück ist, das sind für den Liebenden die Gedanken, die sehnsuchtsvoll hinausdrängen, von Klang und Sprache getragen werden und vielleicht bei dem oder der Angebeteten Erfüllung und ein Zuhause finden.






 

Keine Kommentare:

Kommentar posten