Donnerstag, 15. Juni 2017

"Antonín Dvořák - Die Mittagshexe"


Das Schaffen des großen böhmischen Komponisten Antonín Dvořák erlebte im Jahre 1896 einen Umbruch. War davor sein Werk durch Schöpfungen absoluter Musik geprägt, wie seine neun Symphonien, sein Cellokonzert oder seine Kammermusik bezeugen, so wandte er sich fortan einer weniger traditionellen Gattung, der Symphonischen Dichtung, zu und sollte nie mehr zur absoluten Musik zurückkehren. Symphonische Dichtungen verleihen Musik ein inneres Programm, welches klangliche Entfaltung erlebt, und Dvořák gelangen hierbei unübertroffene Meisterwerke.



Antonín Dvořák (1841-1904) entnahm die Handlung vier seiner Symphonischen Dichtungen (op.107-op.110) aus Balladen des tschechischen Dichters Karel Jaromir Erben (1811-1870), welche voll märchenhafter, farbkräftiger Stimmungen sind. Eine der berühmtesten Balladen geht auf einen unheimlichen Volksmythos zurück und nennt sich „Die Mittagshexe“.

Die Handlung dieser Ballade ist schnell erzählt: An einem idyllischen Tag kurz vor der Mittagsstunde nervt ein kleines Kind seine Mutter. Diese droht dem Kind, dass, wenn dieses nicht brav sei, die Mittagshexe komme und es hole. Da das Kind nicht brav wird, erscheint diese wirklich. Es entbrennt ein Kampf zwischen Mutter und Hexe um das Kind. Als die Mittagsglocken erklingen ist der Spuk gebannt, die Hexe verschwindet. Doch das Kind liegt tot in den Armen der Mutter.

Das ist eine grausame und schreckliche Geschichte. Doch Dvořák war von der Figur der Hexe derart fasziniert, dass er diese in ein dramatisches Tongemälde fassen wollte, um ihr ein abgründiges Denkmal zu setzen. Das Ergebnis sollte ein makaberes Meisterwerk werden - voller Kraft und Dämonie -, eine Symphonische Dichtung, die den Schrecken Klang werden lässt:

Dvořák beginnt die Symphonische Dichtung mit einer Idylle, die den wunderschönen Tag darstellen soll. Diese Idylle wird ab Minute 0:30 in der Hörprobe von einer penetranten Oboe unterbrochen, welche das störende Kind symbolisiert. Darauf beginnt die Mutter ab 1:12 mit dem Kind zu schimpfen und endet mit der Drohung, dass bald die Hexe käme, wenn es nicht sofort artig werde. Diese Drohung von Minute 2:27-2:49 lässt die Musik plötzlich entrückt und jenseitig wirken und wird später beim tatsächlichen Erscheinen der Hexe eine große Rolle spielen. 

Das Kind nimmt allerdings die Drohung nicht ernst und stört erneut die aufkommende Idylle, sodass die Mutter weiter schimpfen muss, bis die Hexe in Minute 5:27 tatsächlich erscheint. Hier erklingt erneut das Motiv der Drohung, welches nun die unheimliche Aura der Hexe beschreibt und breit auskomponiert Gestalt gewinnt. Dieses mündet in das eigentliche Leitmotiv der Hexe, welches von Minute 6:11 an abgründige Dominanz erlangt. Es ist einer der großen Momente der symphonischen Musik, welcher im weiteren Verlauf durch das Fortspinnen des Aura- und des Hexen-Motives an Kraft und Eindringlichkeit gewinnt und so viele Klangfarben der seelischen Abgründe durchläuft. Die intensive Vorstellung der Hexe dauert von Minute 5:27-8:37 und könnte an Spannung sowie Dramatik nicht überboten werden. Die dämonische Unmittelbarkeit dieser schwebenden, dem Irdischen entbunden scheinenden Musik gehört zu Dvořáks genialsten und progressivsten Einfällen.

Von Minute 8:37 an entspinnt sich nun der Kampf zwischen Mutter und Hexe um das Kind. Hier kommen nun auf virtuose Weise alle Motive zusammen und erleben hochexpressive Verflechtung. Es ist ein Kampf um Leben und Tod, den die Musik in Form eines kurzen morbiden Tanzes zu zelebrieren scheint. Bei Ertönen der zwölf Schläge der Mittagsglocke (10:11-10:22) ist der Spuk vorbei: die Hexe verschwindet und der schöne Tag geht fort. Doch das Kind liegt in seinen letzten Atemzügen. Man kann dies an dem Klagegesang der Oboe, welche das Kind symbolisiert, ab Minute 11:00 entnehmen. Die himmlischen Sphärenklänge ab Minute 11:55 symbolisieren wohl das Entschlafen des Kindes zu dieser Mittagsstunde. Diese Klänge nehmen jedoch eine schnelle Wende und gehen wenige Sekunden später nahtlos in das dämonische Leitmotiv der Hexe über, die über den Kindstod höhnisch lacht und triumphiert.  






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