Samstag, 12. Dezember 2015

"Alfred Hitchcock - Ursprünge eines Meisters"


Sir Alfred Hitchcock (1899-1980) gehört zu den ganz großen Regisseuren des 20. Jahrhunderts. Durch Filme wie "Der Mieter" (1927), "Die 39 Stufen" (1935), "Cocktail für eine Leiche" (1948), "Das Fenster zum Hof" (1954), "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" (1958) oder "Psycho" (1960) hat er nicht nur die Herzen der spannungsliebenden Cineasten erobert, sondern wurde Teil des kollektiven Gedächtnisses der Popkultur. Der Einfluss auf nachfolgende Generationen war enorm. Die Referenzen zu Hitchcocks Werk sind schier unzählbar. Noch nie zuvor wurden Filme derart eingehend analysiert und stilistisch nachgeahmt.


Hinzu kommmt, dass Hitchock ein Meister in der Selbstvermarktung war. Er wusste nicht nur seine Filme, sondern auch sich selbst in Szene zu setzen, sodass er sehr schnell zur Kultfigur unter den Filmemachern avancierte. Mit dem vom Publikum verliehenen Titel "Master Of Suspense" ("Meister der Spannung") spielte er gerne. Dies war wohl auch der Grund, weshalb er von 1955-1965 eine eigene Fernsehserie namens "Alfred Hitchcock presents" erhielt, in der er Kriminalgeschichten in der Tradition von Edgar Allan Poe (1809-1849) vorstellen durfte.  

Die Serie wurde Kult und allein das Intro zeugt von seiner genialen Werbestrategie: Er verlieh der Sendung nicht nur seinen Namen, sonder zusätzlich auch gleich seine kurvenreiche Körpersilhouette. Und die Musik galt fortan als die "Hitchcock-Theme":




Die "Hitchcock-Theme" ist allerdings viel älter als Hitchcock selbst, wenn auch nicht weniger makaber als viele Hitchcock-Filme, wenn man die Hintergrundgeschichte bedenkt: Die Musik stammt von dem französischen Komponisten Charles Gounod (1818-1893), der vor allem durch seine Oper "Faust" und dem "Ave Maria" nach einem Präludium von Johann Sebastian Bach (1685-1750) auch heute noch berühmt ist. Während eines Aufenthaltes in England 1871/1872 machte Gounod die Bekanntschaft mit einem Musikkritiker, den er vermutlich nicht sehr mochte. Er plante nämlich ein Werk zu komponieren und dem Kritiker zu widmen, das dessen eigenartige Fortbewegung parodieren sollte, da dieser "wie ein ausgestopfter Affe" gehen würde.

Als Gounod die Komposition abgeschlossen hatte und veröffentlichen wollte, war der Kritiker unglücklicherweise überraschend verstorben. Das hinderte Gounod jedoch nicht daran, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Die Komposition wurde als Klavierstück und später als Orchesterwerk unter dem gehässigen Titel "Marche funèbre d'une marionnette" ("Trauermarsch einer Marionette") veröffentlicht. 

Und diese Gehässigkeit spürt man auch heute noch!

Sowohl mit Klavier:




Als auch mit Orchester:




Die "Hitchcock-Theme" ist also ein makaberer Trauermarsch der französischen Spätromantik.

Doch auch was die filmische Inszenierung betrifft, war Hitchcock nicht der erste, der diese Musik verwendete. Auch Hitchcock besaß Lehrmeister, denen er stilistisch, technisch und in diesem Fall auch musikalisch unendlich viel zu verdanken hatte. Einer davon war kein Geringerer als der deutsche Filmemacher Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931), einem der ganz großen Vertreter des deutschen Expressionismus im Film. Murnau schrieb mit Werken wie "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens" (1922) oder "Der letzte Mann" (1924) Filmgeschichte und beeinflusste mit seiner Pionierarbeit die späteren Genre des "Film noir" als auch des "Horrorfilms". Bei den Dreharbeiten zu "Der letzte Mann" war Hitchcock sogar persönlich anwesend und wurde davon stark inspiriert. Er übernahm viele Techniken Murnaus in sein eigenes Werk.

Auf Murnaus Genialität wurde auch Hollywood aufmerksam und sicherte ihm vollste künstlerische Freiheit zu. So kam es, dass Murnau in Hollywood ein Meisterwerk schuf, das noch heute ungebrochen zu den schönsten Filmen gehört, die je geschaffen wurden: "Sonnenaufgang - Lied von zwei Menschen" (1927). Dieser Film wurde von der Kritik überwältigend aufgenommen und räumte bei der allerersten Oscar-Verleihung im Jahr 1929 gleich 3 Oscars ab. Auch Hitchcock war tief ergriffen von dem Film und entnahm die erste filmische Verwendung seines eigenen späteren Themas den Minuten 56:16 - 58:10 des Films.

Der Film "Sonnenaufgang - Lied von zwei Menschen" ist aber auch als Gesamtes ein Kunstwerk, dem man auch 90 Jahre nach seinem Erscheinen zwar die Reife aber nicht das Alter ansieht. Vielleicht ist die Entnahme des Themas auch als Verneigung Hitchcocks vor Murnau zu werten, da er ohne Murnau nie auf das Thema (und viele weitere Tricks) gestoßen wäre.

Murnaus Werk gilt mit Recht als Gipfelpunkt der Stummfilm-Ära und als Vollendung einer Gattung am Vorabend des Tonfilms:




Auch Hitchcock hatte also Vorbilder, die ihm als Referenz dienten und sein eigenes Werk maßgeblich mitformten. Und doch ist in letzter Konsequenz ein Original aus ihm geworden. Und genau darin liegt Hitchcocks Meisterschaft: Er nutzte den starken Boden, auf dem er fußte, um selbst erhaben darauf zu gehen.


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