Mittwoch, 1. Oktober 2014

"Monteverdi - Als Musik die Sehnsucht gewann"


Der Übergang von der Renaissance zum Barock im frühen 17. Jahrhundert war eine Zeit voller Umbrüche. Das Zeitalter der Entdeckungen hatte neue Kontinente für Handel und Ausbeutung erschlossen, Glaubenskriege spalteten ganz Europa, in der Wissenschaft zeichnete sich immer mehr die Kopernikanische Wende ab und der Humanismus trat langsam seinen Siegeszug durch das Abendland an. Auch die Kunst blieb davon nicht unbeeinflusst: Dem irdischen Individuum wurde von nun an mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Der Mensch wurde in der Kunst endgültig sich selbst gewahr und trat (auch abseits von theologischen oder mythologischen Motiven) in den Mittelpunkt des Werkes. Man begann sich für sein Innenleben zu interessieren und versuchte dieses darzustellen. 

Dies galt auch für die Musik: Viele Errungenschaften der Renaissance wurden weitergeführt und entwickelt. - Wenn die Renaissance ruhige Statik war, so galt der Barock als stürmische Dynamik. - Doch darüber hinaus wurde eine neue Art von Musik begründet, die sich ganz und gar dem einzelnen Individuum und seiner Gefühlswelt verschrieben hatte: Die Monodie (der Einzelgesang). Der erste Höhepunkt auf diesem Gebiet gelang Claudio Monteverdi (1567-1643). Durch Monteverdi gewann Musik eine neue Dimension an Tiefe und eine äußerst menschliche Komponente: diesseitige Sehnsucht

Liebe und Leid, Freude und Schmerz wurden in der Musik nun als Themen erschlossen und Gefühle bekamen eine neue Form des Ausdrucks. Monteverdi war zu Beginn dieser Bewegung der wohl hellste Stern am Firmament und drückte musikalisch aus, was alle Menschen schon seit jeher insgeheim fühlten.  




Wir beginnen mit einem traurigen Gefühl, das jeden von Zeit zu Zeit heimsucht und das vor Sehnsucht nur so trieft: der Liebeskummer. Wohl jeder weiß von den Schmerzen enttäuschter Liebe. Doch so bitter dieses Gefühl auch sein mag, so allgegenwärtig ist es. Es ist der Stoff, aus dem die großen Opern gemacht sind, und es ist kein Zufall, dass gerade Monteverdi als einer der Gründerväter dieser Kunstgattung gilt.

Monteverdi widmete sich diesem Schmerz mehrmals wie zum Beispiel im folgenden Klagelied, wo ein junger Mann sein Leid besingt, das bitterer nicht sein könnte und durch eine enttäuschte Liebe entstanden ist. Das Lied trägt den vielsagenden Titel "Si dolce è'l tormente" ("So süß ist die Qual"). Doch auch wenn wir kein Wort verstehen, wissen wir genau, wie er sich fühlt. Und vielleicht ist genau das die Definition von großer Musik, wenn sie auch abseits von Worten ihre volle Wirkung zeigt:





Bei Monteverdi war dieses Empfinden nicht nur ein trauriges Privileg von Männern. Auch Frauen konnten so empfinden wie im folgenden Lamento eine Nymphe, die sich an den Liebesgott Amor klagend wendet. Begleitet wird sie von einem kleinen Männerchor, der das Geschehen mit Bedauern kommentiert. Der Beginn des tragischen Liedes enthält folgende ergreifenden Worte:

"Amor", dicea, il ciel
mirando, il piè fermo,
"dove, dov'è la fè
ch'el traditor giurò?"


Miserella.

"Fa' che ritorni il mio
amor com'ei pur fu,
o tu m'ancidi, ch'io
non mi tormenti più."

("Armor", sagt sie gen Himmel
auf ihren Füßen stehend,
"Wo, wo ist die Treue,
die der Verräter schwor?"

Die Arme!

"Bring meine Liebe zurück
wie er einst
oder töte mich,
sodass ich nicht mehr leide.")





Doch Monteverdi widmete sich nicht nur dem Liebesschmerz sondern auch der erfüllten Liebe. Er schrieb für seine letzte Oper "L'incoronazione di Poppea" ("Die Krönung der Poppea") im Jahre 1642 eine der wohl berühmtesten Liebesarien der gesamten Musikgeschichte. Sie heißt "Pur ti miro" und bildet das krönende Ende der Oper als die zwei Liebenden ihr Glück mit folgenden ergreifenden Worten besingen: 

"Pur ti miro,
Pur ti godo,
Pur ti stringo,
Pur t'annodo,
Più non peno,
Più non moro,
 
O mia vita, o mi tesoro."

("Dich nur zu sehen.
Dich nur zu genießen.
Dich nur zu drücken.
Dich an mich zu binden.
Nicht mehr leiden.
Nicht mehr sterben.

Oh mein Leben. Oh mein Schatz.") 





Doch Monteverdi verarbeitete auch noch ganz andere Ausdrucksformen der irdischen Freude. Jeder kennt nach einem langen Winter die Sehnsucht nach dem Frühling, dem erneuten Erblühen der abgestorbenen Landschaft. Auch Monteverdi war diese Sehnsucht nicht fremd und er widmete dieser einen seiner berühmtesten Einzelgesänge. Das Lied heißt "Zefiro torna" und handelt von der Rückkehr des milden Westwindes, der seit der Antike als Frühlingsbote und Reifer der Saaten galt.

Erfrischender und fröhlicher wurde die Natur selten besungen:





Monteverdi war einer der ersten, welcher die Gefühle und Sehnsüchte der Menschen mit so ergreifender Musik zum Ausdruck brachte. Was Monteverdi dadurch erreichte, war aber nicht nur herrliche Musik. Er widmete sich zeitlosen Themen und verlieh dem Menschen zum ersten Mal musikalische Identität. Somit war Monteverdi einer der ersten modernen Komponisten, dessen Erbe bis heute anhält und ewig jung geblieben ist.







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